Abschied.

Fräulein ReadOn hat so schön über einen so traurigen Abschied geschrieben, dass man nach dem Lesen durchaus Tränen in den Augen haben kann. Ich habe mitgeschmunzelt, gelitten, geseufzt und geweint – über und für den Abschied in der Geschichte, aber auch für alle Abschiede, die ich selbst schon erlebt habe.

Das sind gar nicht so wenige, und es werden unweigerlich immer mehr. Nachdem ich bekanntermaßen nicht die Beste im Loslassen bin, fallen mir Abschiede schwer. Oft möchte ich festhalten an dem, was gerade gut ist, und muss doch wie wir alle immer wieder feststellen, dass alles fließt und Abschiede eben zum Leben gehören.

Abschiede auf Zeit sind ja noch in Ordnung, wenn man weiß, dass man sich mittelfristig wiedersieht. Doch gerade bei Menschen, die ich nur so 1-2 mal im Jahr sehe, die mir aber nahe stehen, fällt mir das Abschiednehmen gar nicht leicht. Da stehe ich dann mit einem dicken Kloß im Hals am Bahnsteig und verabschiede eine mir ganz wichtige Freundin, mit der ich schöne Tage mit tiefgehenden Gesprächen verbracht habe, und denke: wenn die erste Hälfte meines Lebens jetzt vorbei sein sollte (oder gar schon mehr), dann ist die zu erwartende Zahl der Wiedersehenstreffen gar nicht mehr so hoch. Oje, man darf gar nicht anfangen, darüber nachzudenken.

Einfache, wenn auch oft endgültige Abschiede sind die unmerklichen Abschiede, diese sind am wenigsten schmerzhaft… der Kontakt wird weniger und weniger und schläft dann beiderseitig einfach so ein. Das geht ganz ohne bad feelings vor sich, man lebt sich einfach auseinander oder hat gerade andere Prioritäten. Meist besteht die Option auf Wiederaufnahme des Kontakts (und wenn es nur über Facebook ist) – das ist optimal für Leute wie mich, die nicht gut loslassen können. Wenn sowas allerdings einseitig passiert, man sich immer wieder mal meldet, nachhakt, Treffen vorschlägt, aber von der anderen Seite gar nichts (mehr) kommt, ist das… nun ja, zumindest ein wunderbares Übungsfeld fürs Loslassen.

Viel schlimmer sind die deutlich spürbaren endgültigen Abschiede. Wie die langjährige Freundschaft, bei der es mehr und mehr geknirscht und gehakt hatte, da man sich in völlig unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt hatte – wenn der Abschied dann eintritt, merkt man erst, wie lange man eine Illusion aufrechterhalten hatte, der guten alten Zeiten zuliebe. Doch auch diese Abschiede können unterschiedlich verlaufen. Man kann sich wertschätzend und mit Bedauern gegenüber eingestehen, dass es eben einfach nicht mehr geht und sich so ganz „offiziell“ im Guten trennen. Damit kann ich ganz gut leben. Leider habe ich es aber auch schon erlebt, wie mir die kalte Schulter gezeigt wurde, ohne dass die Probleme offen angesprochen wurden. Ich finde, nach vielen Jahren Freundschaft sind eine klare Kante und offene Worte das mindeste, was man sich noch schuldig ist.

Sehr schmerzhaft sind die Abschiede, wenn noch mehr Gefühle im Spiel waren. Ich gehöre zu den Leuten, die auch mit ihren Ex-Partner*innen am liebsten noch in gutem, freundschaftlichen Kontakt bleiben. Aber wie wohl jede*r kenne ich es auch, dass etwas vorgefallen ist, was ein Wiedersehen ausschließt und/oder zu viel Verletztheit auf einer oder beiden Seiten einen echten Abschied und Abschluss verhindert. Besonders traurig, wenn etwas so enden muss, besonders schmerzlich, wenn es einfach nicht anders zu gehen scheint.

Doofe Alltags-Abschiede hingegen sind die, bei denen man im Streit auseinandergeht, ohne eine Klärung oder Versöhnung herbeigeführt zu haben: das kennen alle, die in einer Partnerschaft leben. Ich denke dann an meine Großmutter, die immer sagte „Geh nie von einem Menschen fort, du sagtest denn ein gutes Wort. Sagst du’s nicht laut, so denk’s im Stillen, es wird schon seinen Zweck erfüllen.“ Das mache ich auch in so einer Situation, da meine Wut sowieso meist schnell verfliegt. Aber dem beigemischt ist eine irrationale Angst: Was, wenn ein Unfall passiert, mir oder meiner Frau? Und das sollen dann unsere letzten Worte zueinander gewesen sein?

Am furchtbarsten ist natürlich der Abschied durch den Tod. Schlimm genug, wenn man noch Zeit hatte, sich zu verabschieden – und vielleicht im ersten Moment noch schlimmer, wenn es keinen Abschied vorher gab. Ich habe lange gegrübelt, was wohl das letzte war, über das ich mich mit meiner Mutter unterhalten hatte. Ich weiß, wir hatten ein paar Tage vor ihrem plötzlichen Tod noch telefoniert… doch ich kann mich einfach nicht mehr erinnern, wie wir uns voneinander verabschiedet haben. Immerhin gibt mir das die Hoffnung, dass es ein ganz „normaler“ Abschied war. Sonst wäre es mir wohl im Gedächtnis geblieben.

So grausam Abschiede auch sein können… ich freue mich dennoch immer wieder über das Kennenlernen neuer Menschen und über das Wiedersehen mit alten Freund*innen und Bekannten. Aber nehmt euch in Acht, es kann passieren, dass ich euch nicht mehr loslassen will… 😉

Und ich weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Jedes Radio sagt „Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier
Was machst du noch hier?“

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