Jahresrückblick 2020.

Ein Jahresrückblick auf ein ganz besonderes Jahr – schließlich hatte uns die meiste Zeit des Jahres die Covid19-Pandemie fest im Griff. Auf die Fragen hier hatte das aber gar nicht so viel Einfluss, merke ich.

Zugenommen oder abgenommen?
Gute Frage. Irgendwann waren die Batterien in der Waage leer…. irgendwann interessierte es mich nicht mehr -solange die (Jogging-)Hosen noch passen.

Haare länger oder kürzer?
Wieder kürzer! Immer noch schön, immer noch dank Heimat am Kopf.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Dass ich schlechter sehe, liegt meistens daran, dass ich lauter Fingertapper unseres Jüngsten auf der Brille habe. Ansonsten kurzsichtig wie eh und je, die Altersweitsichtigkeit kündigt sich so langsam an.

Mehr bewegt oder weniger?
Weniger, was mir mein Ischiasnerv täglich sagt. Schuld ist das monatelange Homeoffice – Sitzen ist das neue Rauchen, habe ich letztens gehört.

Mehr Kohle oder weniger.
Ähnlich wie letztes Jahr.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Die Ausgaben haben sich verlagert. Leider sind sie aber nicht weniger geworden…

Der hirnrissigste Plan?
Zu denken, man spart, wenn man einen Mietwagen mit Selbstbeteiligung mietet…

Die gefährlichste Unternehmung?
Gefährlich waren ja dieses Jahr schon Dinge wie U-Bahn-Fahren oder ins Büro gehen… viel gefährlicher wurde es auch nicht bei mir.

Die teuerste Anschaffung?
Das E-Bike, und wir haben keinen Cent bereut. Ja, klar, wir sind noch keine Rentnerinnen, aber um die 45 Minuten ins Büro zu radeln (wenn es denn mal passierte) oder vor allem den Fahrradanhänger mit zwei Kindern bergauf zu befördern, ist es wirklich Gold wert!

Das leckerste Essen?
Das beste Essen gab es natürlich im Italienurlaub! In Restaurants war ich nicht sehr oft dieses Jahr. Dafür haben wir nun tatsächlich immer einen Wochen-Essensplan, um nur einmal in der Woche einkaufen zu gehen, das klappt gut. Lieblingsrezept des Jahres:
Veggie Chilli with Cornmeal Dumplings von den Hairy Bikers.

Das beeindruckendste Buch?
Neuer Tiefstand beim Lesen – ich glaube, ich habe tatsächlich nur ein einziges Buch zu Ende gelesen: Mutterland von Paul Theroux. Das fand ich durchaus interessant und lesenswert, aber vielleicht nicht so wahnsinnig beeindruckend. Ansonsten bestand meine Lektüre aus Kinderbüchern und Familienratgebern…

Das enttäuschendste Buch?
Siehe oben, wenn man nur eines gelesen hat, ist das das beeindruckendste und enttäuschendste, oder?

Der ergreifendste Film?
Dank Lockdown konnten wir online an Filmfestivals teilnehmen und ganz ohne Babysitter viele tolle Filme sehen. Der ergreifendste Film beim Münchner Bimovie-Festival war für mich überraschenderweise Uferfrauen. Die Schicksale der lesbischen Frauen aus Ostdeutschland waren sehr persönlich, einfühlsam und bewegend dargestellt.

Die beste Musik?
Unser gerade mal zweijähriger Sohn hat meine Spotifyliste mit den meistgehörtesten Songs gesprengt, Nummer 1 wurde ein Kinderlied, das er liebt: Everybody clap your hands (Nancy Kopman). Nummer 2 war „Playground“ von My Ugly Clementine, einer coolen neuen feministischen Band aus Wien – siehe Video (und Text!) unten.
Das beste Album des Jahres war für mich Joy Denalanes „Let yourself be loved„, eine Motown-Produktion.

Das beste Theater?
Leider gar kein Theater.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Gefühlt mit Videokonferenzen. Uff.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Meiner Familie!!

Vorherrschendes Gefühl 2020?
Eine wilde Mischung aus Angst vor der Ansteckung, Verwunderung und Verärgertsein über all diejenigen, die Covid19 leugnen oder herunterspielen, sowie Dankbarkeit, dass meine Lieben alle wohlauf sind und die Krise für uns so glimpflich verläuft.

2020 zum ersten Mal getan?
Sehr viel, ist ja schließlich die erste Pandemie. Maske tragen ist vielleicht das offensichtlichste.

2020 nach langer Zeit wieder getan?
Mit der Holzeisenbahn aus meiner Kindheit gespielt.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

  • Covid19
  • Zum zweiten Mal der ganze Terz mit der Stiefkind-Adoption, da es leider immer noch keine Änderung im Abstammungsrecht gibt – siehe 2019.
  • Wie schon 2019 die Dinge, die ich versehentlich kaputt gemacht habe, z.B. das Rücklicht vom Mietwagen (siehe oben…).

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Meinen Vater und die Schwiegermutter davon, dass sie FFP2-Masken tragen und sich extrem vorsichtig verhalten, um sich nicht zu infizieren.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Hoffentlich das fast einstündige Video mit Geburtstagsgrüßen und -wünschen von Freund*innen und Familie zum 40. Geburtstag meiner Frau.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Unser 2. Sohn war unser schönstes Geschenk in diesem verrückten Jahr.

2020 war mit 1 Wort…?
Bizarr.

Vorsätze für 2021?
Gesund bleiben. Weniger Videokonferenzen. Und weniger fluchen – unser Zweijähriger plappert nämlich alles nach.

Yeah
Cause we share a friend
Doesn’t mean your values fit the way I am
Just because I have smaller hands
Doesn’t mean I can’t do what my male friends can

I see that you
You are taller than me
But it’s not true that I’m smaller than you
The work I do runs on passion and that’s
I suppose the qualification
Don’t get me wrong I respect everything that you’ve done but
I do feel that this isn’t the other way ‚round
And that I don’t understand
Just cause my playground
Wasn’t surrounded by men

Yeah
Cause we share a friend
Doesn’t mean your values fit the way I am
Just because I have smaller hands
Doesn’t mean I can’t do what my male friends can

One of a kind, someone like you
It’s just, we’re back in time
How I wish I said that to you
I’m too nice cause
I believe in the good
But sometimes I wish I could act just like you

Yeah
Cause we share a friend
Doesn’t mean your values fit the way I am
Just because I have smaller hands
Doesn’t mean I can’t do what my male friends can
Yeah
Cause we share a friend
Doesn’t mean your values fit the way I am
Just because I have smaller hands
Doesn’t mean I can’t do what my male friends can

My Ugly Clementine – Playground

Lowlights.

Das Neue Maxim Kino hat den Humor noch nicht verloren –
Today’s Special: Nothing

Den Begriff „Lowlights“ habe ich in meinem Jahr in England gelernt. Wo mein Schul- und Uni-Englisch an seine Grenzen stieß, merkte ich ziemlich schnell, als dort mein WG-Leben begann: Ich konnte problemlos einen kritischen Aufsatz zum „No Child Left Behind Act“ vom damaligen Präsidenten Bush verfassen, hatte aber Probleme mit alltäglichen Bezeichnungen in Küche, Bad und Haushalt. Auch bei meinem ersten Friseur-Besuch (in dem College, in dem wir auch unseren Sprachkurs für den TOEFL-Test hatten) musste ich mich verständlich machen und lernte schnell, dass Strähnchen auf Englisch Highlights heißen. Dies gilt aber nur für helle/blonde Strähnchen, dunkle Strähnen nennt man Lowlights.

Gut, das war nun etwas weit ausgeholt – aber hey, any exuse, um mich mal wieder an mein Englandjahr zurückzuerinnern. Wie im Deutschen auch, wird Highlights natürlich auch übertragen verwendet für Höhepunkte/Glanzpunkte. Und Lowlights für das Gegenteil, also die Tiefpunkte. Was mich zu 2020 bringt, auf den ersten Blick für die meisten ein Jahr voller Lowlights.

Das ist trotz Corona natürlich nur auf den ersten Blick wahr. Unstrittig ist aber wohl, dass es aufgrund all der Einschränkungen tatsächlich weniger Highlights als in anderen Jahren gab. Mein persönliches Lowlight ist mit Sicherheit, dass wir 2020 nicht einmal nach England gereist sind – nicht zur Familie, nicht in die zweite Heimat. An sich wären wir in zwei Tagen für einen ganzen Monat Elternzeit hingeflogen, nichts davon passiert nun. Das ist schmerzlich, für meine Frau noch mehr als für mich, aber ich merke dadurch auch, wie sehr diese verrückte Insel mein Herzensland ist.

Nun waren wir trotz Pandemie in diesem Jahr gesegnet mit einigen Highlights, das größte war die Geburt unseres zweiten Sohnes im Frühjahr. Auch hatten wir Glück, zweimal ins Zillertal, einmal ins Allgäu und für zwei Wochen nach Italien reisen zu können. Unsere Jobs, das Dach über dem Kopf, alles ist sicher bei uns – auch in der Krise sind wir wirklich privilegiert. Das größte Glück ist sicherlich, dass wir alle vier bisher gesund und unsere Familien von Covid19 verschont geblieben sind. Und dass wir uns immer noch mögen – nicht nur lieben, sondern auch mögen.

Es ist also Jammern auf hohem Niveau, doch wie die Wochen so verstreichen, spüre ich ganz deutlich, dass mir die Highlights fehlen: Konzerte, Demonstrationen, politische Diskussionsveranstaltungen, Theater und Kino, Ausgehen, tiefsinnige Gespräche bei Hochprozentigem in dunklen Kneipen… und Besuche von Freund*innen zum gemeinsamen Essen, Spielen, Filme schauen, Ratschen. Davon hat man als Eltern von einem Kleinkind und einem Baby selbstverständlich sowieso viel weniger – aber umso wertvoller werden diese Abende und Erlebnisse.

Unglaublich, wie auch ohne all das die Wochen verstreichen. Ohne dass man hinterher noch wirklich sagen könnte, was man gemacht hat – man hat manchmal das Gefühl, die Tage verschwimmen in ein Alltagsgrau ohne viele bunte Farbkleckse. Wenn man sich aber die Zeit nimmt, und abends über den Tag nachdenkt, merkt man doch, wie viele Highlights es gab – diese kleinen Momente, die das Leben lebenswert machen. Man muss nur ein bisschen genauer hinschauen als früher.

Das sollte der Vorsatz sein für die sicher noch lange Zeit, bis das Virus uns nicht mehr im Griff hat. Mein Wochenende hatte zum Beispiel ganz viele solcher Highlights: das virtuelle Treffen mit Freund*innen aus Schweden, Peißenberg und München, die leckeren Weihnachtsplätzchen, die Küsse unter dem Mistelzweig, die Lichterkette am Baum in unserem Hinterhof, die Nikolausteller, die die Nachbar*innen vor die Tür gestellt haben, das „Jingle Bells“ und „Rudolph, the Red Nose Reindeer“-Singen von unserem älteren Sohn, das fröhliche Jauchzen vom Kleinen, wenn er wie ein Großer in seinem Stuhl sitzen darf, und so viel mehr.

Was diese Pandemie mit uns allen macht, kann ich wirklich nicht abschätzen. Ob wir daraus lernen werden? Ob wir einiges vielleicht „danach“ besser zu schätzen wissen? Hoffentlich, schließlich sieht man die Highlights einfach besser, wenn es auch Lowlights gibt.

Die Kneipen schließen, die Kinos auch
Und im Schauspielhaus fällt der letzte Vorhang aus
Die Nachrichten rennen dem Algorithmus hinterher
Wenn in Moria die Zelte brennen, dann sieht das niemand mehr
Ich muss mich zwingen, ein paar Stunden
Mein Handy wegzulegen
Fühlt sich an, als wäre gestern
Alles halb so wild gewesen
Und morgen könnte alles, alles anders sein.

AnnenMayKantereit – Gegenwart

5 Jahre.

Eine Regenbogentorte zur Hochzeit – vor fünf Jahren!

Menschen feiern gern Jubiläen, ob es nun runde oder halbrunde sind. Erst letzte Woche lasen wir im Elternbrief der Stadt München, wir könnten ja nun bald eine „Geburtstagsfeier“ für die ersten sechs Monate unseres Jüngsten feiern. Wir hatten das nicht geplant, aber ein Vorschlag war auch, sich selbst als Eltern zu diesem Anlass etwas Gutes zu tun – dafür sind wir natürlich gern zu haben.

Das Halbrunde wird gern gefeiert, damit man nicht ein ganzes oder gar zehn Jahre warten muss. Im Moment habe ich das Gefühl, es wird viel an 2015 zurückerinnert und ein Blick darauf geworfen, was in den vergangenen fünf Jahren passiert ist. Fünf Jahre sind ein beliebter Zeitraum, um diesen in Richtung Vergangenheit oder Zukunft zu beleuchten.

„Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Ich bin mir nicht sicher, ob diese Frage wirklich so häufig in Vorstellungsgesprächen verwendet wird, aber man kann sie in allen Ratgebern lesen. Mir persönlich wurde sie jedenfalls noch nicht gestellt und umgekehrt habe ich das auch nie gefragt, wenn ich mal selbst ein Interview mit eine*r Bewerber*in geführt habe.

Vielleicht auch, weil ich es im Grunde unmöglich finde, die Frage zu beantworten. In meiner Schulzeit gab es einen Klassenkameraden, der genau wusste, dass er mit 30 zwei Kinder haben und beruflich schon in New York, Rio, Tokio (oder so ähnlich) gewesen sein wollte. (Ich glaub, das hat so ganz aber auch nicht geklappt, aber das steht auf einem anderen Blatt.) Solche Pläne waren mir jedenfalls immer fremd, ich wusste zu Schulzeiten noch nicht mal, was ich beruflich machen wollte. So passt es vielleicht auch, dass ich ein erstes Studium absolvierte, mit dessen Abschluss ich Lehrerin hätte werden können, was nie passierte, weil ich zunächst in meinem Studentinnenjob bei einem Messeveranstalter hängenblieb, was ich aber nach ein paar Jahren an den Nagel hängte, um Sozialmanagerin zu werden. Die Findungsphase hat also länger gedauert und ich hätte sicher nie fünf Jahre vorher sagen können, wohin es mich verschlagen würde.

Im Privaten ging es mir ähnlich. Ich hatte als Jugendliche niemals eine Vorstellung davon, ob ich einmal heiraten und/oder Kinder bekommen würde. Heute bin ich verheiratet und habe zwei Kinder und finde das manchmal immer noch verwunderlich. Die Hochzeit ist nun -Achtung- 5 Jahre her, und damals war ich eher davon überzeugt, keine Kinder zu haben. Vielleicht ist das aber auch eine Frage des Alters. Mittlerweile finde ich es vorstellbarer, was in fünf Jahren sein könnte. Das könnte aber auch wieder mit den Kindern zu tun haben – zumindest hat man in Teilen ein vages Bild, was da auf uns zukommen könnte.

Vor fünf Jahren, im Jahr 2015, hätte niemand antizipiert, dass wir uns heute in einer Pandemie befinden und es fast schon normal finden, mit Maske einkaufen zu gehen. Gesellschaftspolitisch ist das einzig Beständige wohl Angela Merkel. In einem Interview wurde sie kürzlich zur „Flüchtlingskrise“ 2015 befragt. Damals sagte sie ja „Wir schaffen das!“. Eine Reporterin fragte: „Und was hat Sie geschafft in den letzten fünf Jahren?“, woraufhin sie lächelte und meinte, nichts hätte sie geschafft, sonst würde sie ja nun nicht hier sitzen. Da würde man schon wirklich mal gern hinter die Kulissen schauen. Ich kann mir vorstellen, dass Frau Merkel in den vergangenen Jahren recht oft ziemlich geschafft war.

Ebenfalls vor fünf Jahren wurden ambitionierte Klimaziele festgelegt. Niemand hatte wohl gedacht, dass nur eine weltweite Pandemie dazu führt, dass die Ziele für 2020 in Deutschland wieder erreichbar scheinen. Vielleicht hilft Corona wenigstens hier, sodass ein Umstieg auf nachhaltigere Wirtschaft näher rückt. Viele Leute stellen im Moment außerdem fest, dass man in Deutschland und den benachbarten Ländern tatsächlich auch schöne Urlaube verbringen kann. Es wäre schon etwas gewonnen, wenn das zu einem Umdenken führen würde, und die bisher jährliche Fernreise nur noch alle zwei oder -Achtung- fünf Jahre stattfinden würde. Dann hat man wenigtens eine Antwort auf die Frage, wo man sich in fünf Jahren sieht: Im Yoga-Retreat auf Sri Lanka oder auf dem Weingut in der Pfalz…

Oh well, in five years time we could be walking round a zoo
With the sun shining down over me and you
And there’ll be love in the bodies of the elephants too
And I’ll put my hand over your eyes but you’ll peek through
And there’ll be sun, sun, sun all over our bodies
And sun, sun, sun all down your necks
And there’ll be sun, sun, sun all over our faces
And sun, sun, sun, so what the heck…

Noah and the Whale – Five Years Time

Corona-ABC.

Fahrrad, Bier und Virus

A. Allgemeinverfügung
Ein Dauerbrenner bei mir in der Arbeit im Moment: was steht drin, wie lange gilt’s, wer versteht’s, was ist missverständlich/falsch/schwierig… da ist man gut beschäftigt. Und gerade in den ersten Wochen wurde so eine Allgemeinverfügung gern auch am Freitagabend oder Wochenende veröffentlicht, um dann am Montag in Kraft zu treten.

B. Balkonbier
In der Krise ist man froh über den Balkon, noch froher über Bier. Sehr gefreut haben wir uns über alle Balkonbesucher*innen, die es sich zum Teil mit Stühlen und Getränken in unserem Innenhof-„Vorgarten“ bequem gemacht haben, um sich mit uns auf Distanz zu unterhalten.

C. Corona
Bisher nur eine Bier- und wohl auch Fahrradmarke. Nun also ein Virus mit globaler Pandemie, die in die Geschichte eingehen wird. Ich habe trotzdem kein Corona getrunken seitdem, das Beste daran war doch immer schon nur die Limette.

D. Distanz
Am Anfang, direkt nach der ersten Ausgangsbeschränkung, war es noch einfach: Abstand zu allen, war die Devise. Schwierig wird es jetzt, mit den ersten Lockerungen: Wen trifft man, bei wem hält man Abstand, bei wem nicht? Traut man sich wieder, einander zu umarmen? Gerade, wenn man ein Mensch ist, der gerne Nähe zu anderen mag, ist es wirklich herausfordernd, sich jetzt richtig zu verhalten.

E. Elternzeit
Einerseits echt großes Pech, dass die Elternzeit meiner Frau genau in die Coronazeit fällt. Babygruppe, Rückbildung – all das findet im Moment nur online statt, auch die Ausflüge in den Park und Biergarten waren zunächst kaum möglich. Die Schwiegermutter konnte nicht kommen und so war meine Frau nach nur einer Woche im Wochenbett tagsüber allein zuständig für zwei Kinder, während ich im Homeoffice arbeiten musste.
Andererseits auch großes Glück – dass unser Sohn nicht in die Kita gehen kann, hätte uns in eine arge Bredouille gebracht, wenn meine Frau auch hätte arbeiten müssen. Meine Elternzeit steht noch bevor und ich hoffe, dass sich bis dahin alles ein wenig beruhigt hat.

F. Facebook-Challenges
Vielleicht ist es nur ein Gefühl, aber die Facebook-Challenges haben auch Fahrt aufgenommen in der Coronazeit, finde ich. Ich weiß es gar nicht mehr genau, aber ich bin mittlerweile nominiert, Powerfrauen-Fotos von mir zu posten, beste Musikalben, Bücher… Ich sag es jetzt hier ganz ehrlich: Ich komm einfach nicht dazu und werd es wohl einfach sein lassen. Sorry. Wir gehören gerade nicht zur Langeweile-Fraktion, eher könnte der Tag 48 Stunden haben.
Witzigster Challenge war keiner über Facebook, sondern über WhatsApp, wo man sich dabei filmen musste, wie man sich gerade einen ordentlich hinter die Binde kippt. Da haben interessanterweise auch alle von mir Nominierten mitgemacht und den ausgeschriebenen Kasten Bier hab ich somit nicht bekommen.
Ach ja, und vielleicht sagt mir mal wer die Wahrheit: Ist das mit dem Brotbacken auch ein Challenge? Oder warum machen das auf einmal alle? Schaut jedenfalls gut aus… wenn ich irgendwann also mal wieder Zeit habe, probiere ich das auch mal.

G. Gruppen
…gibt es gerade nicht mehr. Höchstens noch Grüppchen. Für die Lockerungen sind dann relativ beliebige Zahlen festgelegt – man darf sich bspw. zu zehnt treffen. Das gaukelt etwas vor, das es leider nicht gibt: Sicherheit vor der Ansteckung.

H. Homeoffice
Segen und Fluch. Die Grenze zwischen Privatleben und Arbeit verschwimmt… Dafür fällt der Arbeitsweg weg. Man kann mit der Familie zu Mittag essen, auf dem Weg zum Klo auch mal sein Kind in den Arm nehmen. Aber wenn man in einer Videokonferenz ist, und der Kleine an die Tür klopft und ruft, und man kann nicht darauf reagieren, wird es einem schon ganz schön schwer ums Herz.

I. Isolation
Sehr isoliert haben wir uns gar nicht gefühlt. Wenn gerade ein Baby auf die Welt gekommen ist, tanzt man sowieso nicht auf allen Hochzeiten, sondern verbringt viel Zeit zu Hause.

J. Jobrad
Darum hab ich mich leider immer noch nicht gekümmert, aber mein Plan ist es, mir über JobRad ein E-Bike zu leasen. Damit kann ich dann den Arbeitsweg zurücklegen, wenn wir wieder vom Büro aus arbeiten, dachte ich mir. Den Gedanken an die (überfüllte?!) U-Bahn finde ich nämlich gerade nicht sehr prickelnd. Zwei Kinder im Fahrradanhänger transportieren sich außerdem mittelfristig motorisiert sicher leichter.

K. Konzert
Eigentlich bin ich leidenschaftliche Konzertgängerin. Seit wir Kinder haben, ist das natürlich rapide weniger geworden. Doch nun gibt es gar keine mehr, das ist schon dramatisch, v.a. wenn man mitbekommt, wie es den Künstlern*innen damit geht. Unterstützenswert sind daher die Online-Konzerte, von denen wir schon ein paar genossen haben – zum einen von unserer Lieblings- (und Wohnzimmer-)Sängerin Toby, zum anderen auch die Covid19-Benefiz-Konzerte der WHO, oder auch mal Melissa Etheridge, die täglich auf Facebook live gesungen hat.

L. Landleben
Ich bin ein totales Stadtkind und wehre mich schon, wenn es nur darum geht, vielleicht irgendwann mal am Stadtrand zu leben. Aber in der Corona-Krise habe ich zusätzlich die Stadt-Krise bekommen. Zu viele Menschen waren und sind unterwegs, ständig muss man sich ausweichen, die Gehwege zu eng, die Supermärkte zu voll, vorm Bäcker ist eine Riesenschlange. Wie schön muss es doch sein, in einem verschlafenen Dorf zu leben, dachte ich mir da manches Mal. Gerettet aus der Stadt-Krise hat mich, dass mein Vater uns sein Auto geliehen hat (wir brauchen in der Stadt ja keines, war immer meine Devise – aber nun wollten wir natürlich nicht mit Bus oder Bahn fahren, und das Baby ist noch zu klein fürs Radl). Mit dem Auto können wir raus aufs Land, wenn es hier zu eng wird. So ein kleiner Ausflug reicht dann auch. Ich bleibe Stadtkind.

M. Mundschutz
Das Modeaccessoire des Jahres 2020. Vielleicht auch ganz gut, Schals haben wir ja nun echt durchgespielt. Spaß beiseite, wir sind sehr dankbar für all die fleißigen Näherinnen da draußen, die uns ausgestattet haben!

N. Notbetreuung
Notbetreuung gibt es für uns nicht, da meine Frau in Elternzeit ist. Es ist auch eine zweischneidige Sache – man hat Angst vor der Ansteckung über die Kita (das Kind hatte nicht mal einen Schnupfen, seit es nicht mehr in die Kita geht), andererseits würde man es den Kleinen so sehr wünschen, dass sie wieder zusammen spielen dürfen – und sich selbst auch mal eine Kinderpause…

O. Oh oh
Ob das nun mit Corona zu tun hat, wissen wir nicht. Aber unser älterer Sohn lernt gerade sprechen und sagt sehr gerne (auch in den richtigen Situationen und mit der richtigen Intonation) „Oh oh“ – das bringt uns sehr oft zum Lachen.

P. Pandemie
Auch so ein Wort… Epidemie, das hat man vielleicht noch verwendet. Aber Pandemie fand sich wohl eher im passiven Wortschatz. Ich bin sehr gespannt, was Wort und Unwort des Jahres wird, wo es doch so viele neue Begriffe gibt. Systemrelevant rangiert da sicher auch recht weit oben.

Q. Quarantänemähne
Wir hatten defintiv eine ordentliche Quarantänemähne, es ging soweit, dass wir Spängchen und Haargummis kaufen mussten.
Durch den guten Draht zu unserer Friseurin kamen wir gleich Anfang Mai in den Genuss eines Haarschnittes, zum Glück.

R. Reisebeschränkungen
Für Anfang Juli haben wir zum dritten Mal einen Flug für die Schwiegermutter gebucht und sind mal gespannt, ob er dieses Mal nicht gecancelt wird. Immer noch sind wir unsicher, wann wir nach England fliegen sollen. Hier eine verantwortungsbewusste Entscheidung für sich, die Kinder, und die älteren Verwandten zu treffen, ist gar nicht so einfach.

S. Selfie
Was macht man, wenn man Nachwuchs bekommt? Familienfotos! So gern hätten wir auch wieder ein professionelles Shooting gemacht, aber auch das fiel ins Wasser. Nun gibt es also einige Selfies von uns vieren, der Arm hätte länger sein können und dass alle nett und mit offenen Augen in die Kamera blicken, ist wirklich nicht selbstverständlich…

T. Telefon
Die Möglichkeit, sich wenigstens übers Telefon auszutauschen und nahe zu sein, ist gerade jetzt unbezahlbar. Vor allem die FaceTime-Telefonate mit den Großeltern sind sehr wichtig und werden auch regelmäßig von unserem Sohn eingefordert.

U. Urlaubsplanung
Wir haben bisher unsere Urlaube immer eher kurzfristig geplant. Nur für dieses Jahr hatten wir schon mit viel Vorlauf gebucht… passenderweise Italien! Ob das nun im September klappt, wird man sehen. In der Ferienwohnung im Agriturismo kann man sich an dieselben Abstandsregeln halten wie hier und im Ristorante kann man normalerweise auch draußen sitzen.

V. Vierzig
Auch der vierzigste Geburtstag meiner Frau fiel in die Coronazeit, also gab es kein Grillfest, wie eigentlich geplant. Auch die Tage in einem Allgäuer Hotel mussten wir verschieben. Dafür finden diese nun hoffentlich zum Hochzeitstag statt und zum Geburtstag gab es jede Menge tolle Videobotschaften von Freund*innen, Bekannten und Verwandten, die ich zu einem über einstündigen Film zusammengebastelt habe. Also etwas das bleibt, für die nächsten 40 Jahre.

W. Wocheneinkauf
Corona sei dank – wir schaffen endlich mal den großen Wocheneinkauf, den wir uns schon immer vorgenommen hatten. Wir setzen uns, entsetzlich spießig, hin und stellen einen Essensplan für die Woche zusammen, für den dann eingekauft wird. So müssen wir nur einmal in der Woche Geschäfte betreten und haben noch dazu im Blick, wieviel Geld wir für Lebenmittel ausgeben. Bye bye, convenience shopping!

X. X
Mit einem X aus Klebefolie wird nun in manchen Außenbereichen von Restaurants signalisiert, dass man an einem Tisch nicht sitzen darf, weil man den für den Abstand freihalten muss. Ob das immer die 1,5 Meter sind und ob das wirklich funktioniert? Die Idee, in München die Restaurant-Freiflächen zu vergrößern, indem man Parkplätze opfert, finde ich super.

Y. Yoga
Die wöchentliche Yogastunde fehlt mir sehr, der große Vorsatz ist es, nun regelmäßiger online Yoga zu machen. Allein eine halbe Stunde macht wirklich einen Unterschied- im Homeoffice viel am Schreibtisch zu sitzen, ist genauso rückenschädlich wie im Büro.

Z. Zoom
Ob nun GoToMeeting, Houseparty oder Zoom, wir haben schon ein paar ganz nette Online-Zusammenkünfte erlebt. Auch wenn es kein Ersatz für das echte Zusammentreffen ist, so ist es doch eine schöne Möglichkeit, sich zu sehen. Allerdings auch anstrengend. Und nicht empfehlenswert an Tagen, an denen man schon 2-3 Videokonferenzen für die Arbeit hatte.

Mutterschaft.

„Ich bin Mutter.“ Manchmal muss ich mir das selbst noch sagen, weil es sich immer noch nicht selbstverständlich anfühlt, dass dieses kleine Wesen mein Sohn ist. Der Satz gefällt mir allerdings besser als „Ich bin Mama.“ oder gar „Ich bin die Mama/Mami von…“. Es ist das eine, dass mein Sohn mich bald Mami nennen wird (im Moment sind wir noch beide Mama, das kann er schon sagen), aber die „Mama/Mami/Mutti-Welt“ ist eine ganz andere. Auf die reagiere ich halbwegs allergisch, sodass ich es zum Beispiel nicht über mich bringe, bei „Mamikreisel“ zu bestellen oder an Gruppen mit Namen wie „StaMaStaKi“ (Starke Mamas – Starke Kinder) teilzunehmen. Mal davon abgesehen, dass es meines Wissens in der Mehrheit der Familien auch Väter gibt, die aus solchen Angeboten per se ausgeschlossen werden, ist Mama oder Mami ein Kosename, auf den ich ungern reduziert werde.

In den letzten Monaten wurde mir erst so richtig bewusst, zu welcher Gruppe ich viele Jahre noch gehört hatte, ohne mir je groß Gedanken darüber zu machen: zu der der kinderlosen Frauen. Völlig überraschend, in einem Alter, als niemand mehr damit rechnete, scherte ich hier aus. Es wurde nie direkt ausgesprochen, aber natürlich gehörte ich vorher in der Arbeit und im Freundes- und Bekanntenkreis zur Gruppe der kinderlosen Frauen, genauso wie dies in der Familie galt. Dann war ich schwanger und „raus“ bei den gewollt und ungewollt Kinderlosen. Dabei war ich noch nicht einmal Mutter. Verständlicherweise hatten alle Mütter in meinem Umfeld hingegen auf einmal ganz viele Tipps aus ihrer eigenen Lebenserfahrung für mich.

Paradoxerweise fühle ich mich aber nicht anders als früher. Ich weiß noch, wie es mich immer maßlos geärgert hatte, wenn ich mit dem Totschlag-Argument „Das verstehst du nicht, du hast ja keine Kinder“ abgekanzelt wurde, was nicht nur einmal vorkam. Der Witz ist aber: jetzt habe ich ein Kind, aber vieles verstehe ich trotzdem immer noch nicht. Wie soll ich denn mit einem relativ pflegeleichten Kind verstehen, wie es Eltern mit einem Schreibaby gehen muss? Oder wie das ist, wenn sich das Kind mit Koliken oder Bauchschmerzen windet? Kam bei uns bisher nicht vor. Umgekehrt können sich bestimmt viele Eltern nicht vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten sich Regenbogenfamilien im Allgemeinen oder auch wir im Speziellen herumschlagen müssen.

Kinder zu haben ist nicht besser und edler als kinderlos zu sein. Immer noch kann ich mich dermaßen über manche Leute aufregen, die Nicht-Eltern das vermitteln wollen. Natürlich ist es wunderschön, ein Kind aufwachsen zu sehen, diese besondere Liebe zu empfinden und zu empfangen – aber seid doch mal ehrlich, ein Leben ohne Kinder (darf ich erinnern an: ausschlafen, lesen, ins Kino/Theater zu gehen, wann man will, reisen, sich ehrenamtlich/politisch engagieren und vieles mehr – und all das selbstbestimmt) ist auch wunderschön. Ich fürchte, einige Eltern (miss)brauchen Kinder außerdem, um sich wertiger zu fühlen oder ihr Leben sinnhaft zu empfinden – was es sicherlich auch ohne Kind sein sollte.

Ich fühle mich gar nicht „mütterlich“ – doch natürlich bin ich unserem Sohn eine Mutter, will gar eine gute Mutter sein. Gehöre ich demnach also zu „den Müttern“TM? Bei allen Gelegenheiten, bei denen ich bisher andere Mütter kennengelernt habe, habe ich festgestellt, dass es sich nicht anders verhält als vorher: manche finde ich nett, cool, lustig – manche finde ich doof, anstrengend, nervig. Im Allgemeinen genauso wie im Speziellen, also im Muttersein. Als verbindendes Element reicht Mutterschaft wenig überraschend keineswegs aus. Warum also diese Abgrenzung von den Kinderlosen? Gut gefallen haben mir da die Gedanken in Sheila Hetis Roman „Motherhood“, auch wenn man diese durchaus mehrfach lesen muss:

…And I don’t want ’not a mother‘ to be part of who I am – for my identity to be the negative of someone’s positive identity. Then maybe instead of being ’not a mother‘ I could be not ’not a mother‘. I could be not not.
If I am not not, then I am what I am. The negative cancels out the negative and I simply am. I am what I positively am, for the not before the not shields me from being simply not a mother. And to those who would say, You’re not a mother, I would reply, ‚In fact, I am not not a mother‘. By which I mean I am not ’not a mother‘. Yet someone who is called a mother could also say, ‚In fact, I am not not a mother.‘ Which means she is a mother, for the not cancels out the not. To be not not is what the mothers can be, and what the women who are not mothers can be. This is the term we can share. In this way, we can be the same.

Sheila Heti „Motherhood“, p. 157f.

Wie bereits in einem früheren Artikel ausgeführt: Es ist menschlich, dazugehören zu wollen. Es ist menschlich, sich über ähnliche Lebenserfahrungen austauschen zu wollen. Noch menschlicher ist es aber, Empathie und Verständnis für unterschiedliche Lebenswelten und -erfahrungen zu entwickeln, statt sich aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen abzugrenzen oder gar besser zu fühlen. Der Schlüssel liegt darin, finde ich, der und dem anderen zuzuhören und zu versuchen, sich in sie hineinzuversetzen. Von den eigenen Erfahrungen zu berichten, ohne anderen etwas abzusprechen, weil sie die entsprechende Erfahrung nicht selbst gemacht haben. Die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit schätzen zu lernen und nicht den anderen die eigene Lebenswelt überstülpen zu wollen.

Einfach ist das nicht, da kann ich mich an der eigenen Nase fassen! So wenig, wie ich es kritisieren sollte, wenn eine Frau sich in der Schwangerschaft „erhaben“ fühlt (ich hatte nicht einmal annähernd ein solches Gefühl) oder nach der Geburt des Kindes möglichst lange zu Hause bleiben mag, so will ich es auch akzeptiert wissen, dass mir in der Elternzeit nach einigen Monaten wirklich ein gewisses Maß an Herausforderung, Freiheit und Bestätigung fehlte, sodass ich mich auf den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben sehr freute. Ich will meine Mutterschaft so leben und erfüllen dürfen, wie es für mich und unsere Familie passt.

Es ist bei der Elternschaft wie bei jeder anderen Rolle, die man einnimmt im Leben: nur darauf reduziert zu werden, greift immer zu kurz. Ich gehöre nun also zur Gruppe der Mütter. Aber das ist eben noch lange nicht alles, was mich ausmacht.

Ich will Mutter sein und nicht Mutter sein.

(What fabrications they are, mothers. Scarecrows, wax dolls for us to stick pins into, crude diagrams. We deny them an existence of their own, we make them up to suit ourselves – our own hungers, our own wishes, our own deficiences. Now that I’ve been one myself, I know.“)

Margaret Atwood – The Blind Assassin
Seit ich ein Kind hab…. trifft sehr vieles aus diesem Liedtext auch auf mich zu.