Mutterschaft.

„Ich bin Mutter.“ Manchmal muss ich mir das selbst noch sagen, weil es sich immer noch nicht selbstverständlich anfühlt, dass dieses kleine Wesen mein Sohn ist. Der Satz gefällt mir allerdings besser als „Ich bin Mama.“ oder gar „Ich bin die Mama/Mami von…“. Es ist das eine, dass mein Sohn mich bald Mami nennen wird (im Moment sind wir noch beide Mama, das kann er schon sagen), aber die „Mama/Mami/Mutti-Welt“ ist eine ganz andere. Auf die reagiere ich halbwegs allergisch, sodass ich es zum Beispiel nicht über mich bringe, bei „Mamikreisel“ zu bestellen oder an Gruppen mit Namen wie „StaMaStaKi“ (Starke Mamas – Starke Kinder) teilzunehmen. Mal davon abgesehen, dass es meines Wissens in der Mehrheit der Familien auch Väter gibt, die aus solchen Angeboten per se ausgeschlossen werden, ist Mama oder Mami ein Kosename, auf den ich ungern reduziert werde.

In den letzten Monaten wurde mir erst so richtig bewusst, zu welcher Gruppe ich viele Jahre noch gehört hatte, ohne mir je groß Gedanken darüber zu machen: zu der der kinderlosen Frauen. Völlig überraschend, in einem Alter, als niemand mehr damit rechnete, scherte ich hier aus. Es wurde nie direkt ausgesprochen, aber natürlich gehörte ich vorher in der Arbeit und im Freundes- und Bekanntenkreis zur Gruppe der kinderlosen Frauen, genauso wie dies in der Familie galt. Dann war ich schwanger und „raus“ bei den gewollt und ungewollt Kinderlosen. Dabei war ich noch nicht einmal Mutter. Verständlicherweise hatten alle Mütter in meinem Umfeld hingegen auf einmal ganz viele Tipps aus ihrer eigenen Lebenserfahrung für mich.

Paradoxerweise fühle ich mich aber nicht anders als früher. Ich weiß noch, wie es mich immer maßlos geärgert hatte, wenn ich mit dem Totschlag-Argument „Das verstehst du nicht, du hast ja keine Kinder“ abgekanzelt wurde, was nicht nur einmal vorkam. Der Witz ist aber: jetzt habe ich ein Kind, aber vieles verstehe ich trotzdem immer noch nicht. Wie soll ich denn mit einem relativ pflegeleichten Kind verstehen, wie es Eltern mit einem Schreibaby gehen muss? Oder wie das ist, wenn sich das Kind mit Koliken oder Bauchschmerzen windet? Kam bei uns bisher nicht vor. Umgekehrt können sich bestimmt viele Eltern nicht vorstellen, mit welchen Schwierigkeiten sich Regenbogenfamilien im Allgemeinen oder auch wir im Speziellen herumschlagen müssen.

Kinder zu haben ist nicht besser und edler als kinderlos zu sein. Immer noch kann ich mich dermaßen über manche Leute aufregen, die Nicht-Eltern das vermitteln wollen. Natürlich ist es wunderschön, ein Kind aufwachsen zu sehen, diese besondere Liebe zu empfinden und zu empfangen – aber seid doch mal ehrlich, ein Leben ohne Kinder (darf ich erinnern an: ausschlafen, lesen, ins Kino/Theater zu gehen, wann man will, reisen, sich ehrenamtlich/politisch engagieren und vieles mehr – und all das selbstbestimmt) ist auch wunderschön. Ich fürchte, einige Eltern (miss)brauchen Kinder außerdem, um sich wertiger zu fühlen oder ihr Leben sinnhaft zu empfinden – was es sicherlich auch ohne Kind sein sollte.

Ich fühle mich gar nicht „mütterlich“ – doch natürlich bin ich unserem Sohn eine Mutter, will gar eine gute Mutter sein. Gehöre ich demnach also zu „den Müttern“TM? Bei allen Gelegenheiten, bei denen ich bisher andere Mütter kennengelernt habe, habe ich festgestellt, dass es sich nicht anders verhält als vorher: manche finde ich nett, cool, lustig – manche finde ich doof, anstrengend, nervig. Im Allgemeinen genauso wie im Speziellen, also im Muttersein. Als verbindendes Element reicht Mutterschaft wenig überraschend keineswegs aus. Warum also diese Abgrenzung von den Kinderlosen? Gut gefallen haben mir da die Gedanken in Sheila Hetis Roman „Motherhood“, auch wenn man diese durchaus mehrfach lesen muss:

…And I don’t want ’not a mother‘ to be part of who I am – for my identity to be the negative of someone’s positive identity. Then maybe instead of being ’not a mother‘ I could be not ’not a mother‘. I could be not not.
If I am not not, then I am what I am. The negative cancels out the negative and I simply am. I am what I positively am, for the not before the not shields me from being simply not a mother. And to those who would say, You’re not a mother, I would reply, ‚In fact, I am not not a mother‘. By which I mean I am not ’not a mother‘. Yet someone who is called a mother could also say, ‚In fact, I am not not a mother.‘ Which means she is a mother, for the not cancels out the not. To be not not is what the mothers can be, and what the women who are not mothers can be. This is the term we can share. In this way, we can be the same.

Sheila Heti „Motherhood“, p. 157f.

Wie bereits in einem früheren Artikel ausgeführt: Es ist menschlich, dazugehören zu wollen. Es ist menschlich, sich über ähnliche Lebenserfahrungen austauschen zu wollen. Noch menschlicher ist es aber, Empathie und Verständnis für unterschiedliche Lebenswelten und -erfahrungen zu entwickeln, statt sich aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen abzugrenzen oder gar besser zu fühlen. Der Schlüssel liegt darin, finde ich, der und dem anderen zuzuhören und zu versuchen, sich in sie hineinzuversetzen. Von den eigenen Erfahrungen zu berichten, ohne anderen etwas abzusprechen, weil sie die entsprechende Erfahrung nicht selbst gemacht haben. Die Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit schätzen zu lernen und nicht den anderen die eigene Lebenswelt überstülpen zu wollen.

Einfach ist das nicht, da kann ich mich an der eigenen Nase fassen! So wenig, wie ich es kritisieren sollte, wenn eine Frau sich in der Schwangerschaft „erhaben“ fühlt (ich hatte nicht einmal annähernd ein solches Gefühl) oder nach der Geburt des Kindes möglichst lange zu Hause bleiben mag, so will ich es auch akzeptiert wissen, dass mir in der Elternzeit nach einigen Monaten wirklich ein gewisses Maß an Herausforderung, Freiheit und Bestätigung fehlte, sodass ich mich auf den Wiedereinstieg ins Arbeitsleben sehr freute. Ich will meine Mutterschaft so leben und erfüllen dürfen, wie es für mich und unsere Familie passt.

Es ist bei der Elternschaft wie bei jeder anderen Rolle, die man einnimmt im Leben: nur darauf reduziert zu werden, greift immer zu kurz. Ich gehöre nun also zur Gruppe der Mütter. Aber das ist eben noch lange nicht alles, was mich ausmacht.

Ich will Mutter sein und nicht Mutter sein.

(What fabrications they are, mothers. Scarecrows, wax dolls for us to stick pins into, crude diagrams. We deny them an existence of their own, we make them up to suit ourselves – our own hungers, our own wishes, our own deficiences. Now that I’ve been one myself, I know.“)

Margaret Atwood – The Blind Assassin
Seit ich ein Kind hab…. trifft sehr vieles aus diesem Liedtext auch auf mich zu.

Jahresrückblick 2019

Schon wieder ein Jahr rum… und seit meinem letzten Blogpost sind sträflicherweise ganze fünf Monate vergangen. Das mit den Vorsätzen hat wohl leider nicht so gut geklappt, aber es kam eben auch jemand dazwischen. 🙂
Genauso übrigens auch beim Jahresrückblick 2018, den ich leider nie geschrieben habe, wie ich gerade feststellen musste.
Sei’s drum, so war also 2019:

Zugenommen oder abgenommen?
Für das vergangene Jahr liebe ich diese Frage, denn 2018 war ich ja überwiegend schwanger. So kann ich diese Frage locker mit abgenommen beantworten!

Haare länger oder kürzer?
Länger! Und schöner! Dank Heimat am Kopf.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Gleichbleibend sehr maulwurfig kurzsichtig, garniert mit ein wenig Weitsichtigkeit, Kleingedrucktes liest sich ohne Brille besser.

Mehr bewegt oder weniger?
Mehr dank Elternzeit! Kinderwageln war der Sport des Jahres 2019.

Mehr Kohle oder weniger.
Erstmal weniger, weil Elterngeld. Dann zwar fast genausoviel, aber für Teilzeit, da neuer Job, juhu!

Mehr ausgegeben oder weniger?
Definitiv mehr!

Der hirnrissigste Plan?
Zu denken, in der Elternzeit hätte ich mehr Zeit für mich und für alles, was sonst so liegenbleibt.

Die gefährlichste Unternehmung?
Waghalsige Wanderungen bei Eis/Schnee/Matsch mit Baby im Tragetuch. Ist aber alles gutgegangen.

Die teuerste Anschaffung?
Für die Familie haben wir einige teure Anschaffungen getätigt… für mich persönlich war am teuersten wohl ein neues Smartphone und ein Kaschmirpulli – und den hab ich von geschenktem Geld bezahlt.

Das leckerste Essen?
Bei einem tollen Date, nur zu zweit mit meiner Frau im Klimenti’s in Haidhausen. Und natürlich auch viel Selbstgekochtes, v.a. feine Pies aus dem Kochbuch der Hairy Bikers.

Das beeindruckenste Buch?
Motherhood von Sheila Heti – die komplexe Frage, ob Kind oder kein Kind, wird hier sehr eindrücklich behandelt.

Das enttäuschendste Buch?
Ich komme so wenig zum Lesen, da kann ich mir keine Enttäuschungen erlauben.

Der ergreifendste Film?
Ich weine gern bei Filmen, im vergangenen Jahr besonders bei dem auf einer wahren Geschichte basierenden Film Elisa und Marcela.

Die beste Musik?
Meistgehörter Song war laut Spotify „Whole Wide World“ von L’Aupaire, siehe unten. Meistgehörte Künstlerin war Toby Beard, die im Mai noch einmal in unserem Wohnzimmer aufgetreten ist, definitiv ein Highlight 2019.

Das beste Theater?
Dramatischerweise (sic!) war ich 2019 nicht im Theater. Bzw. nur“ bei Lesungen/Performances, die allerdings toll waren: Dunja Hayali mit „Haymatland“, Carolin Emcke mit „Ja heißt ja und…“ und Bourbon/Rösinger/Sargnagel im Volkstheater.

Die meiste Zeit verbracht mit…?
Unserem Sohn. Welch Privileg!

Die schönste Zeit verbracht mit…?
Meiner Familie, besonders in der gemeinsamen Elternzeit in England.

Vorherrschendes Gefühl 2019?
Krass, das ist mein Kind!!!

2019 zum ersten Mal getan?
Vieles. Unter anderem die Kita-Eingewöhnung, die zum Glück sehr positiv verlief.

2019 nach langer Zeit wieder getan?
Menstruiert. Und Alkohol getrunken. Beides nicht verlernt.

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?

  • Der ganze Terz mit der Stiefkind-Adoption, da es leider immer noch keine Änderung im Abstammungsrecht gibt.
  • Die Dinge, die ich versehentlich kaputt gemacht habe, z.B. das Bullauge der Waschmaschine und meine Lieblingstasse
  • Das Handekzem, das mich seit der Geburt begleitet

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Meine Gegenüber im Vorstellungsgespräch, dass sie mich einstellen sollen. Hat zum Glück geklappt!

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
Da muss man wohl andere fragen. Aber schön, auch für mich, war ein Wochenende im Angel Inn im Lake District.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Mich zu lieben, immer da zu sein für mich und mich und meinen Grant auszuhalten.

2019 war mit 1 Wort…?
Aufregend!

Vorsätze für 2020?
Eine gute Mutter zu sein, einen guten Job zu machen – und bei all dem noch Zeit und Raum für mich selbst und für die Paarbeziehung zu schaffen.

I’ve been through hell, been through confusion
Blinded myself by illusion
I’ve known pain, I’ve known sorrow
And I know what it’s like to fail

And out of the blue there came you
And something changed

You’re the whole wide world, whole wide world to me
You’re the whole wide world, whole wide world to me

I’ve been lost all these years haunted by demons
I was planning for the worst
A mission out of control, constantly sinking
I’ve been hurting people that I love

And out of the blue there came you
And something changed

You’re the whole wide world, whole wide world to me
You’re the whole wide world, whole wide world to me
Oh, you’re the whole wide world, whole wide world to me
You’re the whole wide world, whole wide world to me

And I wanna hold you
And I wanna hold you
Yeah, I wanna hold you
Yeah, I wanna hold you

You’re the whole wide world, whole wide world to me
You’re the whole wide world, whole wide world to me

Gruppenzugehörigkeit.

In meiner Schulklasse am Gymnasium waren wir 17 Mädchen (und 11 Jungs), deren Unterschiedlichkeit sich mit Beginn der Pubertät so richtig herausbildete. Ich kann nicht mehr sagen, wann es begann, doch irgendwann gab es zwei Lager unter uns Mädchen – mit den jeweils wenig schmeichelhaften, von der anderen Gruppe verliehenen Namen „Lahmis“ und „Bonzen“.
Zu den „Lahmis“ gehörten meiner Erinnerung nach die ruhigeren, schüchternen, vielleicht auch weniger „attraktiven“ Mädchen, wie beispielsweise das übergewichtige Mädchen, das mit dem schlimmen Mundgeruch und das Mädchen, das altmodische Klamotten trug und schielte. Die „Bonzen“ hingegen waren die stylischen Mädchen, die schon weiter in der Entwicklung waren, die als erste Alkohol tranken und kifften, die „cool“ waren und bei den Jungs gut ankamen, darunter einige Arzttöchter, irgendwie hatte die Gruppenbezeichnung wohl also auch mit Geld zu tun.
Schließlich gab es noch drei-vier Mädchen „dazwischen“, zu denen ich mich zählte. Ehrlicherweise waren wir wohl den „Lahmis“ näher, aber mit uns gaben sich die „Bonzen“ immerhin auch ab. Tatsächlich hatte ich in dieser Zeit eine Art Individualismus entwickelt und kann mich noch erinnern, dass mich diese Gruppenbildung richtig nervte. Vielleicht war das auch eine Art Selbstschutz, da ich eben einfach nicht eine von den Coolen war.
Auch wenn sich diese Betitelung nicht ganz so lange hielt, blieben die Gruppen übrigens mehr oder weniger bestehen – als A-Klasse (die mit Latein angefangen hatte), blieben wir von der 5. bis zur 11. Jahrgangsstufe in einer Klasse zusammen.

Auch in der Pfarrjugend, mit der ich fast meine gesamte Freizeit verbrachte, bildeten sich in irgendeinem Zeltlager zwei verfeindete Gruppierungen, die wenig nett miteinander umgingen. Hier fühlte ich mich schon eher einer Gruppe zugehörig, denn zu den Idioten, die die anderen mit fiesen Namen betitelten, wollte ich nicht gehören. Ich selbst wurde von diesen „Bretty“ genannt, was sich auf meine damals noch nicht sonderlich ausgebildete Oberweite bezog. Schließlich führte neben meinem nachlassenden Glauben und den immer größer werdenden Zweifeln an der Religion(sgemeinschaft) nicht zuletzt diese Gruppenbildung dazu, dass ich mich aus der Pfarrjugend zurückzog – besonders christlich ging es da sowieso nicht zu. Wahrscheinlich hatte der Diakon damals recht, als er resigniert feststellte, unsere Gruppe könnte genauso gut einem Eishockeyverein angehören. Wir alle hatten dort einfach unseren Treffpunkt mit tollen Räumlichkeiten, Parties, anderen Jugendlichen – darum ging es. Und für die Eltern waren wir gut aufgehoben.

Wie schön, dass ich in meiner Zeit als Studentin und auch in dem Jahr, das ich in England verbringen durfte, die Chance hatte, mich wieder neu zu präsentieren und nicht gleich einem Lager zugesprochen wurde. Außer weiterhin wie selbstverständlich der Gruppe der Heterosexuellen… diese Rolle versuchte ich auch noch eine Weile mitzuspielen, bis es einfach nicht mehr ging, da das eben nicht ICH war. Plötzlich sollte ich einer mir ganz fremden Gruppe angehören: den Homos, den Lesben… Dabei war das alles total neu für mich und ich hatte mir gerade erst eingestanden, dass es nicht nur „Seelenverwandtschaft“ war, was ich so mancher Frau gegenüber empfunden hatte. Musste da gleich eine ganze Identität mitkommen? Ja, irgendwie schon. Doch wurde ich nie eine „Szenelesbe“, die Homoquote in meinem Freund*innenkreis dürfte höchstens dem Bundesdurchschnitt von 5-10% entsprechen. Dennoch blicke ich heute mit etwas Sentimentalität und auch Neid auf die Teenager, die beim CSD in Scharen auftreten und durch diese Gruppe der Gleichgesinnten selbstbewusst auftreten können.

Ebenfalls in der Studienzeit beschloss ich, den Kontakt zu einer anderen Gruppe zu suchen. Inspiriert von einer Freundin suchte ich mir ein Ehrenamt – der Spruch der Ehrenamtsagentur Tatendrang sprach mich an: Spenden Sie Zeit statt Geld!
Niedrigschwellig wäre es gewesen, mit Migrant*innen Deutsch zu üben oder Schulkinder zu unterstützen, schließlich studierte ich Lehramt. Ich wollte das aber eben bewusst nicht und bin bis heute sehr froh, dass ich mich traute, mich bei einem Verein zu melden, der schon damals die Inklusion von Menschen mit Behinderung vorantrieb. Nicht zuletzt hat es auch meine berufliche Karriere maßgeblich geprägt, dass ich diesen Schritt machte.

Das ist mittlerweile 16 Jahre her und auch wenn sich mein Engagement in dieser Zeit verändert hat (von der direkten Arbeit mit den Menschen eher hin zur „Hintergrundarbeit“ im Vorstand), bin ich immer noch sehr dankbar für diese Erweiterung des Horizonts. Auch ich hatte Barrieren im Kopf und es hat wirklich etwas mit mir gemacht, die Menschen hinter der Behinderung kennenzulernen, die so oft im Vordergrund steht und unseren Blick verstellt.
Damals war noch nicht die Rede von den Filterblasen, die wir uns im Leben schaffen, aber ich habe es immer schon als sehr inspirierend und interessant empfunden, Menschen mit einem sehr unterschiedlichem Hintergrund kennenzulernen. Das galt im Verein nicht nur für die Menschen mit Behinderung, sondern auch für die Ehrenamtlichen, die eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Frauen (und sehr wenigen Männern) mit ganz unterschiedlichem Background sind.

Die Gruppenbildung ist sehr menschlich, wir stecken andere und uns selbst in Schubladen und das wird auch so bleiben. Für Zwecke der Selbsthilfe und den Austausch unter Gleichgesinnten ist es auch sehr sinnvoll, sich eine Gruppe zu suchen, das erlebe ich zum Beispiel gerade als Regenbogenmutter. Ich hoffe aber, ich kann weiterhin mich selbst und auch andere, nicht zuletzt meinen Sohn, zum einen dazu ermutigen, die Schubladen und den eigenen Wunsch, zu einer Gruppe zu gehören, zu hinterfragen, und zum anderen Neugier auf andere zu haben – statt Angst vor dem vermeintlich Fremdem und anderem. Für beides braucht es Mut, schließlich muss man es für das eine aushalten können, auch mal Außenseiter*in zu sein, und für das andere von sich aus auf andere zugehen. Vor allem aber man muss sich selbst entdecken, unter all den Labels, die einem gesellschaftlich aufgedrückt werden.

I wish that I could be like the cool kids
Cause all the cool kids, they seem to fit in
I wish that I could be like the cool kids
Like the cool kids

Echosmith – Cool Kids

Stiefkind-Adoption.

Kindershirt der LesMamas (ungebügelt:-))

Dies hier ist ein Service-Beitrag für alle, die es interessiert, wie so eine „Stiefkind-Adoption“ genau abläuft. Ich habe ja bereits darüber geschrieben, wie es zur Gründung unserer Regenbogenfamilie kam und hier auch schon darauf hingewiesen, dass die Rechtslage für uns als zwei Mütter weiterhin sehr unbefriedigend ist. Eine Reform des Abstammungsrechts ist mittlerweile immerhin in Planung1, aber bis es ein neues Gesetz gibt, wird es sicherlich noch dauern.

Vielleicht ist es also für manche interessant oder hilfreich, zu lesen, wie das Ganze bei uns ablief:

1. Rechtliche Beratung / Elternvereinbarung
Sicher kein Muss, für uns aber wichtig war die Vereinbarung, die man mit dem Samenspender2 schließt, wenn dieser nicht anonym ist. Das kann man schon in der Schwangerschaft machen. Es ist umstritten, wie es mit der rechtlichen Verbindlichkeit eines solchen Dokuments aussieht, aber klar ist auch, dass es besser als nichts ist. Es lag uns daran, dass wir Punkte wie den Verzicht auf das Sorgerecht, aber auch eine Vereinbarung bezüglich eines Umgangsrechts im Streitfall schriftlich festhielten.

Unterlagen & Kosten:
Leider zu spät stellten wir fest, dass es beim LSVD3 tolle Mustervorlagen für eine solche Vereinbarung gibt. Da hätten wir uns wohl im Grunde auch das Geld für die Rechtsanwältin (stolze 725€) sparen können, wenn wir uns hier fundiert eingelesen hätten. Dazu kamen noch die Kosten für das Notariat, das waren knapp 200€.

2. Antrag:
Frühestens 8 Wochen nach der Geburt kann die nicht-leibliche Mutter die Adoption beantragen. Das haben wir auch sofort gemacht, bei einer Notarin, die uns hierfür von der Anwältin empfohlen worden war, bei der wir die Vereinbarung mit unserem Spender aufgesetzt hatten.

Unterlagen & Kosten:
Ehe- und Geburtsurkunden (bzw. beglaubigte Abschriften davon) werden vom Gericht nicht benötigt (hierfür haben wir 23€ umsonst bezahlt). Vielmehr wird eine Abschrift aus dem Ehe- und Geburtenregister verlangt, die man kostenpflichtig online beim Standesamt / Urkundenstelle bestellen kann (20€). Diesbezüglich wurden wir von unserem Notariat falsch informiert, bei Gericht wurde uns gesagt, dass das oft passiert. Geburts- und Eheurkunde reichen aber nicht aus, man kann ja mitterweile geschieden oder verstorben sein.
Hier kann man den Prozess nochmal um ein paar Wochen beschleunigen, wenn man die Abschriften schon parat hat.
Der Antrag geht übers Notariat ans Gericht, wir haben hierfür 83€ bezahlt.

3. Jugendamt
Bereits 7 Wochen nach Antragstellung erhielten wir Post vom Jugendamt. Wie wir schon wussten, muss die adoptierende Mutter einen Lebensbericht schreiben. Dank des Austauschs mit anderen über die Facebookgruppe des Regenbogenfamilienzentrums wussten wir in etwa, was da gewünscht war. Die Sachbearbeiterin vom Jugendamt bestätigte am Telefon, dass ein Umfang von etwa 1-2 Seiten erwartet wird. Bei uns waren es dann 2,5 Seiten – wir schreiben eben gern. Wir haben allerdings keinen 10-seitigen Bericht mit Fotos geschrieben, den wir mit Kaffee beduftet haben – auch von dieser charmanten Idee haben wir in der Facebookgruppe gehört. So oder so kann man auch diesen Bericht schon vorbereiten und so noch einmal Zeit sparen.

Auszug aus dem Schreiben des Jugendamts

Wenn der Lebensbericht aussagekräftig genug ist, muss die annehmende Mutter nicht noch im Jugendamt vorsprechen, sondern es wird gleich ein Termin zum Hausbesuch ausgemacht. Der Besuch fand bei uns ziemlich genau 5 Monate nach Geburt statt und war ein sehr angenehmes Ereignis, obwohl wir vorher schon sehr nervös waren (und die Wohnung nie so aufgeräumt und sauber wie an diesem Tag). Die nette Dame vom Amt saß hier bei Tee und Keksen, arbeitete ihren Fragebogen ab, und versicherte uns, dass dies ihre Lieblingstermine seien, da es ja immer um absolute Wunschkinder ginge. Am Schluss war sie traurig, dass das Baby eingeschlafen war, sie hätte sich ja noch gern verabschiedet… und betonte, dass auch sie sich wünschte, die Rechtslage würde sich ändern. Auch wenn sie diese Art von Terminen dann vermissen würde.
Sie hatte dann vier Wochen Zeit, ihrer Gruppenleitung einen Bericht vorzulegen, der dann ans Gericht ging. Dieses hat wiederum 4 Wochen zur Bearbeitung.

Unterlagen & Kosten:
Die nicht-leibliche Mutter muss den ca. 2-seitigen Lebensbericht verfassen. Das Jugendamt bekommt des Weiteren die Erlaubnis, Auskünfte über die Annehmende einzuholen. So muss z.B. das Einkommen der vergangenen 12 Monate nachgewiesen werden.
Außerdem braucht man eine erweiterte Meldebescheinigung sowohl von der Annehmenden als auch vom Anzunehmenden.
Kosten: 5€ pro Dokument. Auch dies kann man bereits vorab beantragen, wenn man Zeit sparen will.

4. Gerichtstermin
Bei uns ging der komplette Vorgang wirklich schnell – unser Sohn war noch keine 7 Monate alt, als wir den Anhörungstermin beim Amtsgericht hatten. Wir stellten uns das sehr förmlich vor, doch es waren nur 5 Minuten Smalltalk im Büro des Richters, der uns sofort versicherte, dass er uns die Adoption schriftlich bestätigen würde. Auch er drückte seine Hoffnung auf die Änderung des Abstammungsrechts aus und war uns sehr wohlgesonnen.

Unterlagen & Kosten
Die annehmende Mutter muss mit dem Kind vor Gericht erscheinen und sich natürlich ausweisen.
Kosten tut das nichts, außer Zeit.

5. Adoptionsbeschluss
Fun fact: Der Beschluss wurde uns exakt an dem Tag zugesandt, an dem unser Sohn 7 Monate alt wurde. Hiermit ist es dann amtlich und rechtswirksam.

Unterlagen & Kosten
Kosten entstehen keine, allerdings gibt es natürlich Folgekosten:
wir müssen neue Geburtsurkunden (12€ / Stück) beantragen, in der wir nun beide als Eltern stehen, außerdem ändert sich in unserem Falle der Nachname unseres Sohnes, sodass wir auch einen neuen Kinderreisepass (13€) brauchen.

Resümee:
Der Vorgang ist unnötig und belastend (und durchaus auch kostenintensiv) für die ganze Familie – für das Kind ist es schließlich unbestritten nur von Vorteil, wenn es statt nur einem Elternteil von Geburt an zwei hat. Noch dazu ändert sich an der Lebenssituation ja nichts, egal ob mit oder ohne Adoption.
Des Weiteren ist es höchst kritisch zu sehen, dass man in dem Prozess private/intime Details in solchem Umfang preisgeben muss. Welches heterosexuelle Paar, das ein Kind bekommt, muss dem Staat solche Einblicke in das Privatleben gewähren?
Hier in München wird einem jedoch immerhin mit viel Wohlwollen und Akzeptanz begegnet, das war eine schöne Erfahrung – außerdem ging es schneller als man uns prophezeit hatte. Und nun sind wir drei auch ganz offiziell das, was wir schon immer waren: eine Familie!

  1. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/katarina-barley-will-lesbischen-paaren-mit-mutterschaft-ermoeglichen-a-1257749.html
  2. In unserem Fall ein guter Freund von uns.
  3. https://www.lsvd.de/recht/ratgeber/adoption.html
Kerstin Ott – Regenbogenfarben (musikalisch nicht mein Geschmack, aber sehr passend!)

Gerechtigkeit.

Cover Zeitschrift Was ist eine gerechte Gesellschaft

Ich habe ein Faible für diese „Buch- und Presse“-Läden an Bahnhöfen und Flughäfen. Genauso, wie man automatisch immer viel zu viel Brotzeit auf eine Reise mitnimmt, packe ich nämlich auch immer viel zu viel Lesestoff ein. Die Realität sieht hingegen oft so aus, dass ich im Zug/Flugzeug viel schlafe oder einfach nur aus dem Fenster schaue, oder, noch viel doofer, viel Zeit auf dem Handy verdaddle. Aber mein ideales Selbstbild ist es eben, die Reisezeit zu nutzen, um interessante Bücher und Zeitschriften zu lesen – oder endlich mal die Tageszeitung von vorn bis hinten, inklusive Magazin.

Kürzlich war ich jedenfalls mal wieder in so einem Zeitschriftenladen und habe mir zum ersten Mal das „Philosophie-Magazin“ gekauft (nein, nicht die BUNTE, denn auch hier habe ich schließlich einen hohen Anspruch an mich selbst.. ;-)). Der Titel hat mich angesprochen: „Was ist eine gerechte Gesellschaft?“ und als ich dann feststellte, dass sogar ein Persönlichkeitstest drin ist, wusste ich, die 6,90€ sind gut investiert! Persönlichkeitstests habe ich schon zu Bravo- und Popcorn-Zeiten geliebt.

Das Thema Gerechtigkeit ist schon immer ein Lebensthema von mir, wenn man so will – diese für alle Menschen herzustellen, ist schließlich die größte Herausforderung, vor der Gesellschaften stehen, und schon immer frage ich mich, wie man im Kleinen dazu beitragen kann. Daher fand ich den Leitartikel „Was ist fair?“ über John Rawls‘ Philosophie und die Kritik dazu besonders interessant. Dass sich dieser für das Thema Gerechtigkeit interessierte, ist mit Blick auf seine Biographie kaum verwunderlich. Als Kind erkrankte er erst an Diphterie und steckte seinen jüngeren Bruder an, der daran starb. Ein Jahr später bekam er eine Lungenentzündung, sein anderer jüngerer Bruder steckte sich an und starb ebenfalls. Puh.

Rawls‘ Prinzip für Gerechtigkeit ist der „Schleier des Nichtwissens“, welchen wir alle anlegen sollten: So zu tun, als wüsste man nichts über die eigene Stellung in der Gesellschaft – nichts über den eigenen Status, Ethnie, Religion, Gesundheit/Krankheit, Alter, Intelligenz, Herkunft, usw… Unweigerlich würde dies dazu führen, dass uns gesellschaftlich schlechter gestellte Menschen schützenswert erscheinen – schließlich kann es sein, dass wir selbst dieser Gruppe angehören. Spannend! Und logisch.

Gesellschaftliche Gerechtigkeit ist natürlich schon eine große Nummer. Ich habe aber in letzter Zeit auch viel über die Gerechtigkeit im Kleinen, in den zwischenmenschlichen Beziehungen nachgedacht.
Gerade an einer Stelle bin ich nicht zufrieden mit mir selbst. In der Theorie würde ich es nämlich natürlich immer befürworten, dass sich Paare die Kinderbetreuung/-erziehung gerecht, also paritätisch, aufteilen. In der Praxis leben wir es aber im Moment (also im ersten Lebensjahr unseres Sohnes) nicht so. Das hat zwar auch damit zu tun, dass es sich aus beruflichen Gründen gerade nicht anders handhaben lässt. Aber ich muss gestehen, dass ich auch zu Beginn der Schwangerschaft ganz egoistisch für mich beschloss, ein Jahr aussetzen zu wollen. In dieser Zeit fühlten sich viele Leute (meist Frauen und meist ungefragt), dazu berufen, mir dazu zu raten, doch mindestens ein Jahr zu Hause zu bleiben – diese Zeit käme nie wieder, man solle sich das nicht nehmen lassen.

Im Nachhinein muss ich sagen: ja, stimmt, aber was ist denn mit dem/der Partner*in? Für sie/ihn gilt das doch genauso? Es hätte in meinem Fall absolut nichts dagegen gesprochen, dass ich nach 6/7 Monaten, also spätestens zum jetzigen Zeitpunkt, wieder arbeiten gegangen wäre – wie auch viele andere Frauen. Ich fürchte, da wird immer noch zu sehr Mütterkult getrieben und dem anderen Elternteil zu wenig zugetraut.

Diese Ratschläge standen auf der einen Seite und auf der anderen Seite war da dieser unglaublich verlockende Gedanke, mal ein Jahr raus zu sein aus der Arbeitsmaschine… Ich liebe meinen Job, aber er kostet auch viel Kraft, und auch wenn Elternzeit wahrlich kein Sabbatical ist, gibt es die Gelegenheit für ein bezahltes Jahr beruflicher Auszeit sonst nicht.

Auch hier gilt: wie ungerecht – schließlich gilt dieser Wunsch nach einer Auszeit vom Job genauso für den anderen Elternteil! Und noch viel mehr der Wunsch nach viel Zeit mit dem Kind, der Möglichkeit, ihm beim Aufwachsen zusehen zu können. Im Endeffekt kann ich also froh sein, dass es bei meiner Frau aufgrund eines Jobwechsels gar nicht drin gewesen wäre, sich die Elternzeit zu teilen – und sie außerdem (wie so oft…) Nachsicht mit mir hat.

Die eigene Elternzeit-Erfahrung zeigt mir außerdem, dass eine gerechte Aufteilung für beide Seiten sehr erstrebenswert ist – an so manchem langen Tag mit Baby hat mir mein Job schon sehr gefehlt. Das mag für jede*n individuell unterschiedlich sein, aber ich muss gerade öfter als mir lieb ist auf zwei Dinge verzichten: die Freiheit, einfach zu tun, was ich gerade tun will – und die Bestätigung/Anerkennung, die ich im Beruf bekomme. Davon unbenommen steht natürlich der unglaubliche Mehrwert und diese überbordende Liebe und Freude, die einem so ein kleines Wesen täglich beschert!

Nicht zuletzt ist eine gerechte Aufteilung relevant, da nur diese dazu führen kann, dass Frauen im berühmten gebärfähigen Alter im Jobkarussell nicht weiter benachteiligt werden. Auf einmal wäre es dann bei der Einstellung von Frauen wie Männern in diesem Alter für den Arbeitgeber gleich „riskant“, dass diese für eine Zeit lang ausfallen. Ich traue mich zu wetten, dass es insgesamt sogar zu weniger Karriereeinbußen für alle führen kann, wenn das die Norm wird. Mal ganz davon abgesehen, dass es Zeit wird, dass die Männer und nicht-biologischen Elternteile dieses Recht in Anspruch nehmen können, ohne schief dafür angeschaut zu werden oder Nachteile angedroht zu bekommen.

Für mich persönlich gilt aber in Zukunft umso mehr: Augen auf und Vorsicht vor gutgemeinten Ratschlägen! Genauso wie Vorsicht vor dem eigenen Egoismus! Hui.

Außerdem schadet es sicher nicht, sich noch weiter mit Gerechtigkeitstheorien auseinanderzusetzen. Im Philosophie-Magazin werden einige aufgeführt, besonders interessant fand ich den Text zu Amartyan Sen – nachdenklich macht sein Konflikt der drei Kinder, die alle nachvollziehbare und gerechte Gründe haben, warum sie eine Flöte für sich beanspruchen1. Ein Kind kann als einziges Flöte spielen, das zweite ist arm und hat sonst kein Spielzeug und das dritte Kind hat die Flöte gebaut. Was schließlich zum Schluss führt: “ Es kann sein, dass es tatsächlich keine erkennbare vollkommen gerechte soziale Regelung gibt, aus der eine unparteiische Einigung hervorginge.“

  1. Leseprobe zu Amartya Sen „Die Idee der Gerechtigkeit“ – drei Kinder und eine Flöte: https://www.perlentaucher.de/vorgeblaettert/leseprobe-zu-amartya-sen-die-idee-der-gerechtigkeit-teil-1.html
Mighty Oaks- The Great Unknown

And I’ve got to know, will I be good enough?
Will I be there to stand you up?
Will I do things the right way?
Will I spend my days afraid?

No, we both hardly know what’s on the way
The great unknown, no, we both hardly know what’s on the way

Mighty Oaks – The Great Unknown