Rosa-Hellblau.

So eine Schwangerschaft wartet mit einigen Überraschungen auf, selbst wenn man zu den Spätgebärenden und im Freund*innenkreis zu den letzten gehört, die Mütter werden. Dass man bereits in der Schwangerschaft etlichen Geschlechterrollen-Klischees begegnet, hat mich zwar nicht völlig überrascht – mit welcher Vehemenz diese Rollen im Jahr 2018 jedoch noch vorherrschen, hätte ich dann doch nicht erwartet.

Selbstverständlich ist die logische erste Frage, die jede*r stellt, sobald man sagt, dass man schwanger ist: „Was wird es denn?“ Nun ja, man könnte natürlich antworten: Hoffentlich ein gesundes kleines Menschenbaby… und dann vielleicht noch ein Gespräch über nichtbinäre Geschlechtsidentitäten beginnen. Not.
Verdenken kann man es den Leuten ja nicht, dass sie nach dem Geschlecht fragen. Was soll man sonst schon groß fragen? Wenn die Information gegeben ist (oder auch nicht, weil man es nicht weiß oder nicht wissen oder mitteilen mag) war’s das normalerweise auch zu dem Thema. Immerhin leben wir nicht in einem Land, in dem einem zu einem Jungen gratuliert und zu einem Mädchen Mitgefühl ausgedrückt wird.

Tatsächlich habe ich es aber leider erlebt, dass die Reaktion darauf, dass wir als zwei Frauen einen Jungen erwarten, seltsam ausfiel. Eine Frau sagte gar „Oh, das wird aber schwierig für euch, als zwei Frauen“. Ernsthaft?! Denken Leute, dass das männliche Geschlecht für uns ein derartiges Buch mit sieben Siegeln ist, dass wir hier Probleme bekommen? Nur weil wir nicht auf Männer stehen, heißt das doch nicht, dass wir ein männerfreies Leben führen oder Männer hassen oder dergleichen. Uff. Müssen sich alleinerziehende Mütter sowas eigentlich auch anhören?

Ungefragt sagen einem übrigens auch unisono alle Frauen, dass man schon MINDESTENS ein Jahr daheim bleiben muss nach der Geburt. Tatsächlich mache ich das nun auch, das ist einerseits eine ganz schöne Aussicht, andererseits wurmt es mich auch – warum soll das Kind denn beim anderen Elternteil nicht genauso gut aufgehoben sein? Da bin ich selbst in die Falle getappt, auch wenn es nun beruflich anders auch gar nicht ginge.

Auch hier haben wir schon üble Geschichten gehört: Von werdenden Vätern, die von ihren Kollegen dauernd dumme Sprüche bekommen, dass sie ein halbes Jahr mit dem Kind daheim bleiben („Hast du deine Frau nicht im Griff?“, „Bist du schwul?“ bis hin zum Infragestellen der Karriere). Von Vätern, die in der Kinderkrippe gefragt werden, ob die Frau krank ist, wenn sie das Kind abholen.
Von Frauen, die ab dem Moment, wo die Schwangerschaft bekannt wurde, in der Arbeit nicht mehr so ernst genommen wurden. Und von denen ganz klar erwartet wird, dass sie die Kindererziehung ganz weit über die Karriere stellen. Die zwei Monate Elternzeit, die man zusätzlich bekommen kann, werden im Volksmund „Vätermonate“genannt – dass Väter aber auch mehr als diese beiden Monate nehmen können, man sich die 14 Monate also beliebig aufteilen kann, scheinen gar nicht alle zu wissen.
Außerdem sind praktisch alle Kurse und Gruppen nur für „Mama-Kind“ ausgeschrieben, als Mann in der Elternzeit wird man kaum angesprochen.

Munter weiter geht es dann, wenn man die ersten Einkäufe fürs Baby tätigt. Die Wahl zwischen rosa und hellblau hat man immer. Andere Farben muss man suchen. Nicht nur bei Klamotten, auch bei Schnullern und dergleichen (später gar bei Duschgel, Süßigkeiten, usw.). Die Abteilungen für Mädchen und Buben sind klar getrennt – für Mädchen gibt es generell schon mal viel mehr Auswahl bei Kleidung. Wenn schon nicht die Farben, dann sagen die Motive ganz eindeutig, was welchem Geschlecht zugeordnet ist. Beispielsweise sind bei den Mädels Vögel und Kätzchen aufgedruckt, bei den Jungs stattdessen Waschbären und Füchse (Warum? Ich hab keine Ahnung!). Weiter geht es beim Spielzeug, bei den Büchern (Traktoren und Bagger vs. Prinzessinnen und Feen), Filmen – es gibt eigentlich nichts, was nicht in rosa und hellblau unterteilt wird. Sonst könnte ja alles einfach von allen Kindern genutzt werden und es würde viel weniger verkauft. Super Marketing und wir machen alle schön brav mit. Über all das könnte ich mich stundenlang aufregen, zum Glück gibt es aber ja Organisationen im Web und Social Media wie pinkstinks und die Rosa-Hellblau-Falle, die sich der Sache annehmen.

Der echte Schocker war für mich aber der Geburtsvorbereitungskurs. Wir haben uns für einen Paarkurs entschieden, der über ein Wochenende ging. Da praktisch und naheliegend, gingen wir dafür in das nette Yoga-Studio in unserer Straße. Der Kurs wurde von einer Hebamme (die in ihren 30ern sein dürfte) geleitet und wir waren ca. 10 Paare. Außer uns waren alle Hetero-Paare, das muss an dieser Stelle gesagt werden… Bei der Vorstellungsrunde ging es schon los. Die Männer sollten sich und ihre schwangeren Frauen vorstellen, da waren dann gleich ein paar dabei, die markige Sprüche abgeben mussten à la „Ich wollte ja erst nicht zu so einem Hechelkurs, aber mein bester Kumpel meinte, das ist schon ganz gut…“ – klar, Mann muss sich wohl erstmal rechtfertigen, dass er sich für die Schwangerschaft und Geburt seines Kindes interessiert. Wow.

Den Vogel schoss aber die Hebamme ab – ihr Männerbild war wohl irgendwo in den 50er Jahren verhaftet. So gab sie den Frauen bspw. den Rat, mit ihren Männern unbedingt vor der Geburt noch zu Rossmann oder dm zu gehen, um ihnen die Windel- und die Damenbinden-Abteilung zu zeigen. Hey, hallo – ich steh auch völlig planlos vor dem Windelregal, bin ich nicht weiblich genug, weil ich hier nicht automatisch Expertin bin?? Verrückt.

Ach so, und ja, sie hat immer nur von den Männern gesprochen. Und von den Papas. Dass wir als Frauenpaar ebenfalls da waren, hat sie ignoriert. Nun wollten wir auch nicht die zickigen Lesben sein, die sie darauf aufmerksam machen… aber natürlich war das für meine Frau nicht schön, hier nie angesprochen zu werden. Sogar eine andere Kursteilnehmerin verwendete inklusive Sprache (sie sprach von der Begleitperson bei der Geburt, weil das der normale Terminus in ihrem Geburtshaus ist – was wiederum die Hebamme im Kurs leicht irritierte). Als ich am zweiten Tag eine direkte Frage an die Hebamme stellte, die sie mir dann mit „Ja, da kann dann der Papa…“ beantwortete, platzte mir aber doch der Kragen und ich entgegnete „Nein, nicht der Papa, die andere Mama!“ und deutete auf meine Frau neben mir. In der Pause kam sie zu mir und bat mich, das nicht persönlich zu nehmen, aber sie könnte doch nicht jedes Mal…. Ich ärgere mich immer noch, dass ich sie nicht gefragt habe, warum sie eigentlich nicht jedes Mal inklusive Sprache verwenden kann, wenn schon ein Frauenpaar im Kurs ist. Oder zumindest wenigstens hin und wieder? Nein, das ist nicht zu viel verlangt!

Alles in allem denke ich mir, das Thema Geschlechter-Stereotypen wird uns noch oft begegnen. Wir wollen jedenfalls versuchen, unseren Sohn nicht in eine Schublade zu stecken, sondern ihm die Chance geben, für sich herauszufinden, welche Farben und welches Spielzeug er mag, wie er sein mag. Er soll genauso kuscheln und weinen dürfen, ohne dass ihm deswegen Männlichkeit abgesprochen wird. Aber ich weiß auch, dass das schwer werden wird – wir selbst sind auch sehr geprägt von Geschlechtervorstellungen, von Erfahrungen und von Bildern, die in unserer Gesellschaft vorherrschen. Und bisher haben wir auch noch nichts in rosa für unseren Sohn gekauft, weil… ja… warum eigentlich nicht?

Wenn ich das Bild der Männer hierzulande anseh,
dann kann ich es kaum glauben, so tut es mir dann weh, ne…

Fettes Brot – Männer

6 Kommentare

  1. … Und das mit dem Streichelzoo auf der Kleidung hört im Erwachsenenalter ja auch nicht auf. Auf Damenpyjamas sind in 90% der Fälle Kätzchen, Häschen oder Herzen aufgedruckt, meist in altrosa und gerne auch mal mit Strass.

  2. Ich wünsche Ihnen viele Begegnungen mit Menschen wie der Erzieherin meines Sohnes:
    Im Kindergarten meinte mal ein Junge: „Ich ziehe kein oranges T-Shirt an! Rot und rosa und orange sind Mädchenfarben!“ Darauf die Erzieherin: „Echt jetzt? Hast du schon mal eine Müllfrau gesehen?“ … Ende der Diskussion.
    Ein anderer Junge trug eine Saison lang rosa Glitzerhausschuhe, wie die Hälfte der Kinder in seiner Gruppe. Das war für alle völlig OK.
    Es kann also klappen!
    Alles Gute für Sie, Ihre Frau und Ihren Sohn!

    1. Vielen Dank für die guten Wünsche! Unser Sohn ist mitterweile geboren und das Abenteuer beginnt. Ich hoffe, es läuft so gut wie in Ihrer Schilderung… aber sicher wird das Thema uns begleiten.

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