Umwandlung.

Nun ist es schon über vier Monate her, dass eher überraschenderweise die “Ehe für alle“ umgesetzt wurde, meine Lieblingsgrafik aus dem SZ-Magazin dazu zeigt sehr gut, was seitdem passiert ist.

http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/bildergalerie/39459/2/Gefuehlte-Wahrheit

Bei uns ist mittlerweile aber etwas passiert: wir haben uns vergangene Woche auf zum Standesamt gemacht, zur Anmeldung der Umwandlung unserer Lebenspartnerschaft in die Ehe. Vorher haben wir uns ausgiebig mit der Frage beschäftigt, welcher Rahmen uns für dieses Ereignis am passendsten erscheint. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten! Einerseits erscheinen größere Feierlichkeiten für die so lange ersehnte und überfällige „Ehe für alle“  durchaus angemessen. Andererseits sind wir bereits seit 2 ½ Jahren verpartnert, was sich bestimmt nicht anders anfühlt als verheiratet, und auch wenn es damals offiziell die „Begründung der eingetragenen Lebenspartnerschaft“ war, so war es für uns doch immer unsere Hochzeit, die wir auch wunderbar, groß und genau nach unseren Wünschen gefeiert haben. Der Wermutstropfen war immer nur die sprachliche Diskriminierung (und was gesetzlich noch damit einherging).

Schließlich haben wir uns entschieden, die Umwandlung für unseren 3. Hochzeitstag anzumelden und im Ideal-, also Sonnenscheinfall an diesem Tag noch ein zwangloses, gemütliches Isargrillen mit Freund*innen und Bekannten, die Zeit und Lust haben, anzusetzen. Ein Fass Bier können wir dann ja zur Isar rollen.

So fanden wir uns zum zweiten Mal mit all den Heiratswilligen beim Standesamt des Kreisverwaltungsreferats ein (direkt neben der Jagdscheinstelle und dem Geburtenbüro mit Wickeltisch). Die Wartezeit ließ noch ein eher weniger romantisches Frühstück in der nüchteren Kantine zu. Die Standesbeamtin war sehr freundlich und interessiert – als sie erfuhr, dass meine Frau Lehrerin ist, vor allem an Tipps, wie sie ihren Sohn, der heuer Abitur macht, zum Lernen motivieren kann.

Zu meiner Überraschung stellte sich heraus, dass die Umwandlung nur an Dienstagen und Donnerstagen (dafür sogar gleich zusammen mit der Anmeldung) im Büro vollzogen werden kann – an allen anderen Tagen, und unser Hochzeitstag fällt dieses Jahr nun mal auf einen Mittwoch, „muss“ man in den Trausaal. Freudig teilte die Beamtin uns mit, dass wir auch noch in die Mandlstraße könnten (das ist der sehr schön gelegene Trausaal in München, direkt am Englischen Garten, im Gegensatz zum schnöden Kreisverwaltungsreferat). Weil meine Frau so empathisch ist, wie sie ist, winkte sie gleich ab: „Nein, da sollen die Leute hin, die zum ersten Mal heiraten.“ Recht hat sie, wir wollen ja kein großes Brimborium.

Insgesamt fühlt es sich nun doch alles ein bisschen so an wie ein zweites Mal heiraten. Irgendwie hat das seinen Reiz, man erneuert quasi sein Eheversprechen, denn man bekommt nochmals alles vorgelesen und muss noch einmal „Ja“ zueinander sagen. Aber irgendwie auch absurd, schließlich hatten wir all das doch schon.

Ein Bekannter postete die Tage auf Facebook ein Bild vom Heiratsbüro und schrieb dazu „Große Ereignisse werfen ihren Schatten voraus!“. Er und sein Mann, die  schon seit vielen Jahren verheiratetpartnert sind, haben wie wir die Umwandlung angemeldet. Unter seinem Post häuften sich die Glückwünsche… bei manchen war mir nicht ganz klar, ob die Leute wussten, dass die beiden schon lange in eingetragener Lebenspartnerschaft leben. Sogar die Frage nach der Hochzeitsreise kam auf. Mich hat das nachdenklich gestimmt. Irgendwie finde ich es nett, aber irgendwie merke ich genau an dieser Stelle auch, welche große Diskriminierung doch bisher herrschte. Für uns ist klar, unsere Hochzeit und unsere Hochzeitsreise fand im Jahr 2015 statt, das war ein einmaliges Ereignis, was nicht wiederholt wird oder jetzt erst seine Legitimität erhält.

Übrigens, meine Frau ist dann ab Juli mein Ehemann. Immerhin nicht auf der Urkunde, aber im Personenstandsregister. Nein, die Umwandlung zur Ehe sollte wirklich nichts mit einer Geschlechts-Umwandlung zu tun haben. Doch die Software ist noch nicht umgestellt. Laut Standesbeamtin (und laut Verlag) liegt das gar nicht an der Software, sondern an den Bundesländern, die sich nicht einigen konnten, ob es nun statt „Ehemann“ und „Ehefrau“ lieber „Ehegatten“ oder „Eheschließende“ oder „???“ heißen soll.  Weil der Nachname meiner Frau im Alphabet vor meinem kommt, ist automatisch sie der Mann. Aber das wird unsere gleichberechtigte Rollenaufteilung zum Glück nicht beeinflussen – und dankenswerterweise wurden wir auch schon ewig nicht mehr gefragt, wer denn bei uns „der Mann“ sei. Viel schlimmer ist es, für Schwestern gehalten zu werden, aber das ist eine andere Geschichte…

Love is the answer, at least for most of the questions in my heart
Like why are we here? And where do we go?
And how come it’s so hard?
It’s not always easy and
Sometimes life can be deceiving
I’ll tell you one thing, it’s always better when we’re together

Abschied.

Fräulein ReadOn hat so schön über einen so traurigen Abschied geschrieben, dass man nach dem Lesen durchaus Tränen in den Augen haben kann. Ich habe mitgeschmunzelt, gelitten, geseufzt und geweint – über und für den Abschied in der Geschichte, aber auch für alle Abschiede, die ich selbst schon erlebt habe.

Das sind gar nicht so wenige, und es werden unweigerlich immer mehr. Nachdem ich bekanntermaßen nicht die Beste im Loslassen bin, fallen mir Abschiede schwer. Oft möchte ich festhalten an dem, was gerade gut ist, und muss doch wie wir alle immer wieder feststellen, dass alles fließt und Abschiede eben zum Leben gehören.

Abschiede auf Zeit sind ja noch in Ordnung, wenn man weiß, dass man sich mittelfristig wiedersieht. Doch gerade bei Menschen, die ich nur so 1-2 mal im Jahr sehe, die mir aber nahe stehen, fällt mir das Abschiednehmen gar nicht leicht. Da stehe ich dann mit einem dicken Kloß im Hals am Bahnsteig und verabschiede eine mir ganz wichtige Freundin, mit der ich schöne Tage mit tiefgehenden Gesprächen verbracht habe, und denke: wenn die erste Hälfte meines Lebens jetzt vorbei sein sollte (oder gar schon mehr), dann ist die zu erwartende Zahl der Wiedersehenstreffen gar nicht mehr so hoch. Oje, man darf gar nicht anfangen, darüber nachzudenken.

Einfache, wenn auch oft endgültige Abschiede sind die unmerklichen Abschiede, diese sind am wenigsten schmerzhaft… der Kontakt wird weniger und weniger und schläft dann beiderseitig einfach so ein. Das geht ganz ohne bad feelings vor sich, man lebt sich einfach auseinander oder hat gerade andere Prioritäten. Meist besteht die Option auf Wiederaufnahme des Kontakts (und wenn es nur über Facebook ist) – das ist optimal für Leute wie mich, die nicht gut loslassen können. Wenn sowas allerdings einseitig passiert, man sich immer wieder mal meldet, nachhakt, Treffen vorschlägt, aber von der anderen Seite gar nichts (mehr) kommt, ist das… nun ja, zumindest ein wunderbares Übungsfeld fürs Loslassen.

Viel schlimmer sind die deutlich spürbaren endgültigen Abschiede. Wie die langjährige Freundschaft, bei der es mehr und mehr geknirscht und gehakt hatte, da man sich in völlig unterschiedliche Richtungen weiterentwickelt hatte – wenn der Abschied dann eintritt, merkt man erst, wie lange man eine Illusion aufrechterhalten hatte, der guten alten Zeiten zuliebe. Doch auch diese Abschiede können unterschiedlich verlaufen. Man kann sich wertschätzend und mit Bedauern gegenüber eingestehen, dass es eben einfach nicht mehr geht und sich so ganz „offiziell“ im Guten trennen. Damit kann ich ganz gut leben. Leider habe ich es aber auch schon erlebt, wie mir die kalte Schulter gezeigt wurde, ohne dass die Probleme offen angesprochen wurden. Ich finde, nach vielen Jahren Freundschaft sind eine klare Kante und offene Worte das mindeste, was man sich noch schuldig ist.

Sehr schmerzhaft sind die Abschiede, wenn noch mehr Gefühle im Spiel waren. Ich gehöre zu den Leuten, die auch mit ihren Ex-Partner*innen am liebsten noch in gutem, freundschaftlichen Kontakt bleiben. Aber wie wohl jede*r kenne ich es auch, dass etwas vorgefallen ist, was ein Wiedersehen ausschließt und/oder zu viel Verletztheit auf einer oder beiden Seiten einen echten Abschied und Abschluss verhindert. Besonders traurig, wenn etwas so enden muss, besonders schmerzlich, wenn es einfach nicht anders zu gehen scheint.

Doofe Alltags-Abschiede hingegen sind die, bei denen man im Streit auseinandergeht, ohne eine Klärung oder Versöhnung herbeigeführt zu haben: das kennen alle, die in einer Partnerschaft leben. Ich denke dann an meine Großmutter, die immer sagte „Geh nie von einem Menschen fort, du sagtest denn ein gutes Wort. Sagst du’s nicht laut, so denk’s im Stillen, es wird schon seinen Zweck erfüllen.“ Das mache ich auch in so einer Situation, da meine Wut sowieso meist schnell verfliegt. Aber dem beigemischt ist eine irrationale Angst: Was, wenn ein Unfall passiert, mir oder meiner Frau? Und das sollen dann unsere letzten Worte zueinander gewesen sein?

Am furchtbarsten ist natürlich der Abschied durch den Tod. Schlimm genug, wenn man noch Zeit hatte, sich zu verabschieden – und vielleicht im ersten Moment noch schlimmer, wenn es keinen Abschied vorher gab. Ich habe lange gegrübelt, was wohl das letzte war, über das ich mich mit meiner Mutter unterhalten hatte. Ich weiß, wir hatten ein paar Tage vor ihrem plötzlichen Tod noch telefoniert… doch ich kann mich einfach nicht mehr erinnern, wie wir uns voneinander verabschiedet haben. Immerhin gibt mir das die Hoffnung, dass es ein ganz „normaler“ Abschied war. Sonst wäre es mir wohl im Gedächtnis geblieben.

So grausam Abschiede auch sein können… ich freue mich dennoch immer wieder über das Kennenlernen neuer Menschen und über das Wiedersehen mit alten Freund*innen und Bekannten. Aber nehmt euch in Acht, es kann passieren, dass ich euch nicht mehr loslassen will… 😉

Und ich weiß nicht, wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Nicht wie man aufhört
Nur wie man anfängt
Jedes Radio sagt „Hey, was machst du da?
Der Krieg ist vorbei
Zwei, drei, vier
Was machst du noch hier?“

Jahresrückblick.

Schöne Idee, sich zum Jahresrückblick ein paar Gedanken zu machen und so habe ich mir erlaubt, die Fragen zu klauen und meine Antworten zu geben:

Zugenommen oder abgenommen?
Zugenommen… dieser Meinung sind zumindest meine Jeans. Aber eigentlich rede ich da nicht gern darüber, denn kaum etwas nervt mich mehr als Gespräche über Gewicht oder Kalorien. Dafür bin ich viel zu sehr Genießerin!

Haare länger oder kürzer?
Oh, keine Ahnung. Ich bin meiner Friseurin schon seit vielen Jahren treu und die Haarlänge passiert da ganz nach Lust und Laune. Also ihrer Laune.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger?
Weder noch. Allerdings hat mir die Augenärztin prophezeit, dass das mit der Altersweitsichtigkeit wahrscheinlich bald losgehen wird und dann eine Gleitsichtbrille fällig wird. Allerdings trug sie bei dieser Aussage einen hellrosa Rollkragenpulli, auf dem „Angel“ stand, daher weiß ich nicht, ob ich ihr vertrauen kann…

Mehr bewegt oder weniger?
Weniger, leider. Das Knie, die Hüfte, die Achillessehne… dieser ganze Körper ist eine Baustelle. Aber ab und an überrasche ich ihn hinterrücks und gehe zum Joggen.

Mehr Kohle oder weniger.
Marginal mehr… Tariferhöhung. Aber immerhin nun endlich ein unbefristeter Vertrag.

Mehr ausgegeben oder weniger?
Eher weniger, sogar. Denn die Urlaube waren dieses Jahr kostengünstiger.

Der hirnrissigste Plan?
Krank zu sein und per Homeoffice doch den ganzen Tag zu arbeiten.

Die gefährlichste Unternehmung?
Ich mach doch grundsätzlich nix Gefährliches, dafür bin ich viel zu feige. Am Ende war das Gefährlichste dann tatsächlich auch eine nicht ganz alltägliche Fahrt mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Die teuerste Anschaffung?
Hm, schwere Frage… Urlaub ist ja keine Anschaffung – und richtig große Anschaffungen gab es heuer nicht. Also wahrscheinlich Schuhe.

Das leckerste Essen?
Oh, da gab es zum Glück ganz viel davon. Selbstgekocht war das Rezept der Kürbis-Maronen-Tajine eine tolle Entdeckung, lecker essen gegangen sind wir oft, als erstes fällt mir da der Vietnamese Annam im Glockenbachviertel ein, wo man ganz lieb gezeigt bekommt, wie man das Gericht richtig isst.

Das beeindruckendste Buch?
Margaret Atwood – The Handmaid’s Tale. Mehr dazu hab ich schon geschrieben.

Das enttäuschendste Buch?
Zadie Smith – Swing Time. Es war kein total schlechtes Buch, aber ich musste mich wirklich durchkämpfen. Mit der unsympathischen Protagonistin konnte ich mich nicht anfreunden und empfand den Plot als wirklich zäh. So hat es auch ewig gedauert, bis ich endlich durch war.

Der ergreifendste Film?
Migas de Pan. Wir haben diesen Film beim Bimovie Frauenfilmfestival gesehen, dort gab es noch ein paar weitere ergreifende Filme (auch toll: „Bar Bahar (In Between)“ und „I still hide to smoke“), aber die Geschichte über die Grausamkeit während der Diktatur in Uruguay und die unfassbaren Ungerechtigkeiten und dem Leid, welches den Regimegegner*innen angetan wurde, war wirklich erschütternd.

Die beste Musik?
Mit Abstand natürlich Toby im eigenen Wohnzimmer!!
Am meisten gefreut habe ich mich dieses Jahr über das neue Album von Judith Holofernes.

Das beste Theater?
Gleich zu Beginn des Jahres: AMERICA in den Kammerspielen. Insgesamt aber viel zu wenig Theater…

Die meiste Zeit verbracht mit…?
… Arbeit. Zum Glück auch mit ein paar Highlights.

Die schönste Zeit verbracht mit…?
.. meiner Frau, Freund*innen und Familie. Und mit mir selbst.

Vorherrschendes Gefühl 2017?
„Halt, Moment, ich muss noch…“ vs. „Oh wie schön wäre es, mal nichts müssen zu müssen.“

2017 zum ersten Mal getan?
Einen ganzen Tag geschwiegen beim „Tag der Stille“. Wie wunderbar!

2017 nach langer Zeit wieder getan?
New Kids on the Block gehört. 🙂

3 Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
Überarbeitung, Donald Trump, Durchfall-Disaster.

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
Mich selber davon, dass ich auch mal ein paar Tage wirklich offline sein kann. Gar nicht so einfach, gegen die Sucht anzugehen.

Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?
In voller Präsenz und Aufmerksamkeit da sein. Sollte ich öfter machen.

Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?
Mir das Gefühl zu geben, mich geliebt zu fühlen. Immer wieder durch meine Frau und liebe Menschen in meinem Umfeld, ganz besonders auch bei meinem 40. Geburtstag.

2017 war mit 1 Wort…?
Ratzfatzvorbei.

Vorsätze für 2018?
Mehr Achtsamkeit, mir und anderen gegenüber. Wann? Immer jetzt!

Ansonsten gilt für Vorsätze, was Amanda Palmer sagt:

In my mind
In a future five years from now
I’m one hundred and twenty pounds
And I never get hung over
Because I will be the picture of discipline
Never minding what state I’m in
And I will be someone I admire
And it’s funny how I imagined
That I would be that person now
But it does not seem to have happened
Maybe I’ve just forgotten how to see
That I am not exactly the person that I thought I’d be

And in my mind
In the faraway here and now
I’ve become in control somehow
And I never lose my wallet
Because I will be the picture of of discipline
Never fucking up anything
And I’ll be a good defensive driver
And it’s funny how I imagined
That I would be that person now
But it does not seem to have happened
Maybe I’ve just forgotten how to see
That I’ll never be the person that I thought I’d be

And in my mind
When I’m old I am beautiful
Planting tulips and vegetables
Which I will mindfully watch over
Not like me now
I’m so busy with everything
That I don’t look at anything
But I’m sure I’ll look when I am older
And it’s funny how I imagined
That I could be that person now
But that’s not what I want
But that’s what I wanted
And I’d be giving up somehow
How strange to see
That I don’t wanna be the person that I want to be

And in my mind
I imagine so many things
Things that aren’t really happening
And when they put me in the ground
I’ll start pounding the lid
Saying I haven’t finished yet
I still have a tattoo to get
That says I’m living in the moment
And it’s funny how I imagined
That I could win this, win this fight
But maybe it isn’t all that funny
That I’ve been fighting all my life
But maybe I have to think it’s funny
If I wanna live before I die
And maybe it’s funniest of all
To think I’ll die before I actually see
That I am exactly the person that I want to be

Fuck yes
I am exactly the person that I want to be

Traditionen.

Viele Jahre stellte sich mir nie die Frage, wie ich wohl Weihnachten verbringen würde. Denn es war klar: wie immer eben. Das bedeutete, in meinem Elternhaus, zusammen mit meiner Mutter und meinem Bruder. Irgendwann kam immer auch mein Vater vorbei und blieb unterschiedlich lang, oft auch zum Essen. Das war auch gesetzt: Fleischfondue (Rind, Kalb, Schwein) mit Baguette, Mixed Pickels und selbstgemachten Saucen. An die Zeiten, als noch meine Großeltern väterlicherseits dabei waren und es wohl immer Weißwürste für meinen Opa gab, da er der Meinung war, vom Fondue würde man nicht schnell genug satt, kann ich mich nicht aktiv erinnern.

Der Ablauf der Weihnachtsabende veränderte sich nur geringfügig, als wir älter wurden. Irgendwann halfen mein Bruder und ich immer mehr mit, irgendwann wohnten wir nicht mehr zu Hause, kamen aber spätestens gen Mittag, um den Baum zu schmücken. Was blieb, war die Glocke, mit der mein Vater uns ins Wohnzimmer klingelte, wo die Bescherung stattfand und wir mehr schlecht als recht ein paar Weihnachtslieder zusammen sangen – oft spielte ich lieber Blockflöte (verlernt man nie) als selbst zu singen. Irgendwann hatte sich dann auch eingespielt, dass ich in der Adventszeit an ein paar Tagen mit meiner Mutter zusammen die Plätzchen buk. Auch hier gab es keine Experimente: Zimtsterne, Husarenkrapferl, Vanillekipferl, Kokosmakronen und jede Menge Walnussherzen.

Auch in der Besetzung änderte sich interessanterweise nicht viel, eine Ausnahme war da nur einmal ein Weihnachten zu Teenagerzeiten, als eine Freundin zu späterer Stunde zu uns stieß, die vorher ehrenamtlich bei der Obdachlosen-Weihnachtsfeier im Hofbräuhaus geholfen hatte und erst am nächsten Tag zu ihrer Familie fuhr. Mein Bruder heiratete später eine Atheistin, die an Weihnachten lieber ins Kino geht, während er den Traditionen verhaftet blieb und auch immer in die Christmette wollte, was meiner Mutter und mir eher anstrengend erschien. Und auch ich war mehrere Jahre mit einer Frau liiert, die kein großes Interesse an Weihnachten hatte. Natürlich gab es auch bei uns Familienstreit an Weihnachten, weil besonders meine Mutter oft gestresst war und sich unter Druck fühlte. Doch (auch dank unseres sehr starken Weihnachtspunsches nach Familienrezept) gab es am Heiligen Abend zu später Stunde auch oft die ehrlichsten und tiefgehendsten Gespräche, die ich immer sehr schätzte.

Alles änderte sich 2009 durch den Tod meiner Mutter. Auf einmal war alles anders. Mein Vater war wieder in unser Elternhaus gezogen, doch auch wenn wir zuerst noch versuchten zu feiern wie immer, war Weihnachten einfach nicht mehr so wie es war. Erst fand ich das traurig und schwierig, doch dann lernte ich die neue „Freiheit“ auch zu schätzen. Zeitgleich lernte ich damals in meiner neuen Beziehung andere Weihnachtstraditionen kennen – nämlich die englischen. In meinem Englandjahr war ich für Weihnachten nach Hause geflogen und kannte daher die Gebräuche nur von Erzählungen. Ich weiß auch nicht, ob die Familie meiner Frau repräsentativ für England ist, aber anders als bei uns in Deutschland ist es allemal. Besinnlichkeit wird hier nicht groß geschrieben, natürlich wird auch fein und viel gegesssen, der Truthahn darf da nicht fehlen. Aber ansonsten wird viel ausgelassener gefeiert und es gehört auf jeden Fall auch das eine oder andere Gesellschaftsspiel dazu.

Die Familie meiner Frau hat mich sofort aufgenommen und ich fühle mich sehr wohl dort, auch wenn ich sicher immer die etwas steife Deutsche bleibe, die einen kleinen Schubser braucht, um genauso ausgelassen zu feiern, zu tanzen und zu singen. Jede Gelegenheit für Karaoke oder einen Tanz im Wohnzimmer wird hier genutzt und so ist Weihnachten wirklich ganz anders, nicht nur weil es einen Tag später stattfindet. Wichtig sind natürlich auch die Christmas Cracker, in denen sich auch immer die Papierkronen befinden, die man dann den ganzen Abend trägt. Wobei hier auch schon aufgerüstet wurde und es jegliche Art von Weihnachtshüten und -kopfschmuck gibt (vom Christmas Elf über Santa’s Beinen bis zu Rentierohren), welcher tapfer getragen wird.

Meist verbinden wir heute beide Traditionen, indem wir den Heiligen Abend in München mit meinem Vater und meinem Bruder verbringen, um dann am 25. Dezember morgens nach England zu fliegen. Dieses Jahr hatten wir unser Familientreffen aber bereits eine Woche vor Weihnachten anlässlich meines Geburtstages, sodass wir schon am 22. Dezember nach England aufbrachen. Wieder war alles anders. Zum ersten Mal hatte ich aus Zeitnot auch keine Plätzchen gebacken und auch den Weihnachtspunsch gab es heuer nicht. Besonders über ersteres zeigte sich dann die englische Familie enttäuscht – die besten der deutschen Bräuche hatten sich also hier mittlerweile eingebürgert. Ich hingegen würde den Christmas Pudding mit Brandy Cream nicht mehr missen wollen.

Mal sehen, was das nächste Jahr an Weihnachten bringen wird – noch sind keine Pläne gemacht. Fest steht, dass nichts sein muss wie es immer war, und dass man sich das schönste der Traditionen ganz selbstbestimmt aussuchen kann.
Nun steht erstmal Silvester an, da hab ich mir die Tradition des Böllerns seit einigen Jahren abgewöhnt und wäre froh, wenn das auch andere tun würden… Eine ganz neue Tradition wird das Öffnen aller Zettel mit besonderen Erlebnissen und Erinnerungen sein, die wir das Jahr über notiert haben. Darauf freue ich mich. In diesem Sinne: Happy New Year!!!

Vierzig.

Endlich nicht mehr jung! So war erst kürzlich ein Artikel im SZ-Magazin betitelt. Der Autor schreibt über seine Gefühlslage bezüglich seines bevorstehenden 40. Geburtstags. Auch wenn mich nicht alles im Artikel ansprach (die Perspektive ist freilich auch eine sehr männliche), hat es mir doch eine Passage angesichts meines 40er angetan:

Ich höre, mit 40 werde es mit mir bergab gehen. Ja, das soll es ruhig. Dann kann ich mich gemütlich aus­rollen lassen und muss nicht mehr strampeln wie ein Irrer. Es wird so vieles leichter. Ich weiß inzwischen, was ich mag und was nicht, verschwende keine Zeit mehr mit Experi­menten. Mit Abenteuerurlauben etwa, asymmetrischen Freundschaften, dem Konsum von zu hartem Alkohol oder der Lektüre russischer Surrealisten.

Weniger strampeln wäre wirklich sehr wünschenswert, darauf will ich hoffen.
Zwar mag ich auch gern mal einen Schnaps oder Whisky, doch weiß ich hier heute recht genau, wo meine Grenzen sind. Abenteuerurlauben, asymmetrischen Freundschaften und der Lektüre russischer Surrealisten gegenüber bin ich (mittlerweile) ähnlich abgeneigt wie der Autor.

Umso schöner, dass ich vergangenes Wochenende meinen 40. Geburtstag mit so vielen Freund*innen und Bekannten feiern durfte, die ich mag, die mir am Herzen liegen und die mir wichtig und wertvoll sind. Das war wirklich der denkbar schönste Start in das neue Lebensjahrzehnt – ich war unter Leuten, die es gut mit mir meinen, die sich Gedanken darüber gemacht hatten, womit sie mir eine Freude machen konnten, die mit mir feierten, tanzten und schwitzten. Dafür bin ich sehr dankbar!

Wenig passend dazu fand sich in der Süddeutschen gerade am Vortag meines Geburtstags ein Artikel über Geburtstagsfeiern, in dem gegen Ende gefragt wurde, wie man das Bohei verstehen soll, das Menschen veranstalten, wenn sie runde Geburtstage haben?

Derartige Jubiläen geraten neuerdings oft zur Feier der eigenen Großartigkeit, obwohl sie doch nur kalendarische Zufälle markieren.

Den kalendarischen Zufall habe ich dennoch gern gefeiert – und wer sagt eigentlich, dass man sich nicht auch selbst mal feiern darf? Großartigkeit ist schon etwas hoch gegriffen, aber so ganz unzufrieden bin ich mit den zurückliegenden 40 Jahren nicht. Auch wenn ich vielleicht nicht mehr alles genauso machen würde, weiß ich, dass dies nur der entsprechenden Erfahrung geschuldet ist.

So nehme ich den runden Geburtstag durchaus zum Anlass, zurückzublicken auf das, was mich zu der gemacht hat, die ich bin. Und auch um mal innezuhalten mit Blick auf Gegenwart und eine mögliche Zukunft.

Sophia Loren wird es schon gewusst haben:

Mit 30 ist man jung und unsicher, mit 40 ist man stark, aber ständig müde, mit 50 ist man weise und vielleicht ein bisschen sentimental. Und wenn man auf die 80 zugeht, überkommt einen die Lust, nochmal von vorn anzufangen.

Mit einem extra Danke für die Wahnsinns-Tanz-Performance! 🙂