Vierzig.

Endlich nicht mehr jung! So war erst kürzlich ein Artikel im SZ-Magazin betitelt. Der Autor schreibt über seine Gefühlslage bezüglich seines bevorstehenden 40. Geburtstags. Auch wenn mich nicht alles im Artikel ansprach (die Perspektive ist freilich auch eine sehr männliche), hat es mir doch eine Passage angesichts meines 40er angetan:

Ich höre, mit 40 werde es mit mir bergab gehen. Ja, das soll es ruhig. Dann kann ich mich gemütlich aus­rollen lassen und muss nicht mehr strampeln wie ein Irrer. Es wird so vieles leichter. Ich weiß inzwischen, was ich mag und was nicht, verschwende keine Zeit mehr mit Experi­menten. Mit Abenteuerurlauben etwa, asymmetrischen Freundschaften, dem Konsum von zu hartem Alkohol oder der Lektüre russischer Surrealisten.

Weniger strampeln wäre wirklich sehr wünschenswert, darauf will ich hoffen.
Zwar mag ich auch gern mal einen Schnaps oder Whisky, doch weiß ich hier heute recht genau, wo meine Grenzen sind. Abenteuerurlauben, asymmetrischen Freundschaften und der Lektüre russischer Surrealisten gegenüber bin ich (mittlerweile) ähnlich abgeneigt wie der Autor.

Umso schöner, dass ich vergangenes Wochenende meinen 40. Geburtstag mit so vielen Freund*innen und Bekannten feiern durfte, die ich mag, die mir am Herzen liegen und die mir wichtig und wertvoll sind. Das war wirklich der denkbar schönste Start in das neue Lebensjahrzehnt – ich war unter Leuten, die es gut mit mir meinen, die sich Gedanken darüber gemacht hatten, womit sie mir eine Freude machen konnten, die mit mir feierten, tanzten und schwitzten. Dafür bin ich sehr dankbar!

Wenig passend dazu fand sich in der Süddeutschen gerade am Vortag meines Geburtstags ein Artikel über Geburtstagsfeiern, in dem gegen Ende gefragt wurde, wie man das Bohei verstehen soll, das Menschen veranstalten, wenn sie runde Geburtstage haben?

Derartige Jubiläen geraten neuerdings oft zur Feier der eigenen Großartigkeit, obwohl sie doch nur kalendarische Zufälle markieren.

Den kalendarischen Zufall habe ich dennoch gern gefeiert – und wer sagt eigentlich, dass man sich nicht auch selbst mal feiern darf? Großartigkeit ist schon etwas hoch gegriffen, aber so ganz unzufrieden bin ich mit den zurückliegenden 40 Jahren nicht. Auch wenn ich vielleicht nicht mehr alles genauso machen würde, weiß ich, dass dies nur der entsprechenden Erfahrung geschuldet ist.

So nehme ich den runden Geburtstag durchaus zum Anlass, zurückzublicken auf das, was mich zu der gemacht hat, die ich bin. Und auch um mal innezuhalten mit Blick auf Gegenwart und eine mögliche Zukunft.

Sophia Loren wird es schon gewusst haben:

Mit 30 ist man jung und unsicher, mit 40 ist man stark, aber ständig müde, mit 50 ist man weise und vielleicht ein bisschen sentimental. Und wenn man auf die 80 zugeht, überkommt einen die Lust, nochmal von vorn anzufangen.

Mit einem extra Danke für die Wahnsinns-Tanz-Performance! 🙂

Sendeplatz.

Ich sehe nicht viel fern. Das liegt auch daran, dass dies bei uns gar nicht so viel Spaß macht, seit wir den neuen DVBT-2-Receiver haben. Dieser braucht in etwa so lange wie ein alter C64 zum Hochfahren. Außerdem nervt es, so viele Fernbedienungen zu haben. Schon klar, dass das alles nicht so sein müsste – wenn man genug Geld hinlegt, kann man da eine schnittige Lösung haben. Aber wir gehören zu den Leuten, die es nicht einsehen, einen Haufen Geld hinzulegen für das Programm, was einem da geboten wird. RTL, Sat1 und ProSieben hab ich jedenfalls noch nicht vermisst.

Natürlich ist es übrigens aber nicht so, dass wir nicht auch vor der Glotze hängen – dank Netflix, Apple TV und iTunes gibt es ja noch genug Auswahl zur Abendunterhaltung.

Wenn ich fernsehe, dann noch am ehesten Nachrichten – wobei das dann auch meist über die Mediathek geschieht, da unser Tagesablauf selten zur Sendezeit passt (oder umgekehrt). In letzter Zeit habe ich aber ein paar ganz großartige Dokus gesehen, die wiederum meines Erachtens einen völlig unverdient schlechten Sendeplatz hatten, und nicht auf ARD oder ZDF, sondern auf Arte liefen. Oder ist es wirklich für die Mehrheit schon so, dass die Sendezeit und der Sender gar keine Rolle spielen, da es ja die Mediatheken gibt und der Link per sozialen Medien weiterverbreitet wird?

Eine der Dokumentationen war Das System Milch. Wir hatten aber das Glück (herzlichen Dank hier nochmal an M. fürs Mitnehmen!), den Film nicht nur im Neuen Maxim-Kino mit anschließendem Gespräch mit dem Regisseur und einem Protagonisten zu sehen, sondern davor sogar noch im Restaurant Broeding drei verschiedene Käsesorten des Südtiroler Biobauern Alexander Agethle bei einem Gläschen Wein probieren zu dürfen. Der Käse war fein, der Film war krass. Wie der Name schon sagt, geht es um das Industrie-System, um das Milch-Business… was man da von Hochleistungskühen (die aufgrund der unnatürlich riesigen Euter kaum noch laufen können), vom Preisdumping, vom Export nach Afrika und China, von Politik und um ihre Existenz kämpfende Bauern sieht, lässt einem die Lust auf Milchprodukte erstmal vergehen. Außerdem wird das Saysche Theorem hier (z.B. bei Actimel) gut dargestellt, sagt meine Frau.

Ähnlich krass die zweite Dokumentation (hier danke an A. für den Tipp): Umwelthormone – verlieren wir den Verstand?,  die auch auf Arte lief. Wer wissen will, warum wir alle (und v.a. die Amis… ;-)) immer dümmer werden, welchen chemischen Giften wir alltäglich ausgesetzt sind und was die Schilddrüse mit all dem zu tun hat, dem sei dieser Film sehr ans Herz gelegt.

Auf meiner Liste steht nun noch die Dokumentation Geheimsache Tiertransporte, die bei 37 Grad im ZDF lief. Ich habe aber großen Respekt davor, denn angenehme Abendunterhaltung sieht anders aus.

Das ist wohl auch der Grund, warum solche Dokus nicht auf den Hauptsendeplätzen ausgestrahlt werden – schwierige Themen, unangenehme Wahrheiten, das eignet sich nicht unbedingt für einen entspannten Abend. Dafür brauche ich zwar auch kein Herbstfest der Volksmusik, aber zugegebenermaßen gern auch mal eine RomCom (Romantische Komödie) oder einfach eine nette Serie.

Dennoch, wenn jemand noch eine gute Doku-Empfehlung hat, immer gern her damit!

Wenn wir nicht mehr können, schauen wir uns ’ne Romcom an
Wenn wir nicht mehr können, schauen wir uns ’ne Romcom an
Denn das „Nicht-mehr-drüber-reden“ verbessert den Beziehungsstand
Welches Problem? Es gibt kein Problem
Wir können eins draus machen oder wir lassen’s so stehen

 

Abzocke.

Nun gibt es ja immer wieder mal Schlagzeilen über die Machenschaften von betrügerischen Pflegediensten, doch dass ich selbst mal zur Aufdeckung von solcher Abzocke beitragen würde, hätte ich nicht erwartet.

Eine Aufgabe in meinem Job ist es, Familien mit Kindern mit Behinderung zu beraten und ich habe hier schon so manch berührende Lebensgeschichte gehört. Manchmal ist es auch erschreckend festzustellen, wie viele Familien gar nicht wissen, was ihnen alles zusteht. Eine Mutter hat mir gegenüber sogar einmal geäußert, bei ihnen sei es doch „gar nicht so schlimm wie bei anderen“ und daher wollte sie das Geld der Pflegekasse nicht annehmen.

Dabei kann es wirklich zur Entlastung und Verbesserung der Familiensituation beitragen, die Gelder und Leistungen in Anspruch zu nehmen. Zum Beispiel kann man sich über das „Verhinderungspflege-Budget“ (§39 SGB XI) eine stunden- oder auch tageweise Betreuung für den Angehörigen mit Behinderung finanzieren. Es gibt noch ein weiteres Budget, den sogenannten Entlastungsbetrag (§45b SGB XI), über den Familien eine Betreuungs-/Pflegeperson oder auch andere entlastenden Hilfen, z.B. im Haushalt, finanzieren können, wenn diese von einem anerkannten Dienst erbracht werden.

So weit, so gut, aber in allen Details auch ziemlich kompliziert. Noch ein Grund, warum einige Eltern die Leistungen nicht in Anspruch nehmen – sie wollen oder können sich damit nicht (auch noch) auseinandersetzen. Gerne verlassen sie sich also auf den Pflege- oder Familienunterstützenden Dienst, dem sie auch die Abrechnung mit der Pflegekasse überlassen können.

Doch es gibt eben auch Pflegedienste, die dies schamlos ausnutzen. Der betreffende Dienst hat bei einer Familie sämtliche Budgets ausgeschöpft, die es gibt, ohne die entsprechenden Leistungen im abgerechneten Umfang überhaupt erbracht zu haben – und ohne Rücksicht darauf, welche Gelder für welche Leistungen verwendet werden dürfen. Das kam nur zufällig raus, da die Kasse eine unserer Rechnungen dann nicht mehr zahlen wollte, da das Budget aufgebraucht war. Darauf folgte eine durchaus hitzige Kommunikation zwischen der Familie, dem Pflegedienst und mir, wobei mir irgendwann die Leiterin des Pflegedienstes dreisterweise anbot, ich könne ihr eine Rechnung über den fehlenden Betrag stellen. Darauf ließ ich mich natürlich nicht ein, denn das wäre Betrug. Auch die Familie wollte zum Glück kein falsch abgerechnetes Geld annehmen, woraufhin dem Pflegedienst nichts anderes übrig blieb, als der Kasse die Gelder zurückerstatten. Doch nicht ohne auch noch zu versuchen, Kosten über das Kurzzeitpflege-Budget abzurechnen, um so zu Geld zu kommen – ohne hierfür überhaupt eine Lizenz zu haben. Unglaublich, aber natürlich wurde dieser Antrag seitens der Pflegekasse abgelehnt.

Nun ist der Korruptionsbeauftragte der Pflegekasse an der Sache dran und ich bin ein klein bissl stolz. Ich weiß, mit wie viel Widrigkeiten Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen zu kämpfen haben und finde es wirklich himmelschreiend, wenn sich Pflegedienste hier auf betrügerische Art bereichern wollen!

Kollision.

Das hätte auch anders ausgehen können.

Wie jeden Morgen radelte ich am Dienstag gerade die Vorfahrtsstraße entlang, die mich zu meinem Arbeitsplatz führt. In der Gegenrichtung war viel Berufsverkehr, rechts sah ich einen roten Transporter stehen, der nach links abbiegen wollte. Als ich näher kam, wurde mir bewusst, dass er losfuhr und zwar ohne auf mich zu achten! Ich bremste noch, so gut das bei der Nässe ging, doch ich konnte nicht verhindern, dass mich der Transporter anfuhr. Im Moment des Fallens sah ich seine Motorhaube und rechnete schon damit, überrollt zu werden. Doch zum Glück bremste der Fahrer sofort und ich rappelte mich wieder auf. Er sprang augenblicklich aus dem Fahrzeug und half mir – wir beide waren total erschrocken über das gerade Geschehene.

Zum Glück kam ich mit ein paar fiesen Prellungen davon, mein Knie wurde geröntgt, aber zum Glück war alles heil. Nun war ich also auch mal beim „Durchgangsarzt“, ein Wort, das ich ja noch nie verstanden habe, da es sich ja um einen Wegeunfall handelte. Im Kleinstadt-Krankenhaus ging alles angenehm schnell und ich musste nicht lang warten. Der Arzt schrieb mich für zwei Tage krank, ich fuhr (ohne Fahrrad!) nach Hause und hievte mich auf die Couch.

Ich bin ja kein Mensch, der große Ängste hat. Aber in der Situation wurde mir die eigene Endlichkeit schon sehr bewusst. Das hätte wirklich auch anders ausgehen können. Der Transporter hätte schneller beschleunigen oder weiterfahren können, statt sofort stehenzubleiben. Ich hätte auf den Kopf fallen können. Hinter mir hätte ein Auto kommen und mich überrollen können, ich hätte auf der Gegenspur landen können, oder… zu viel ausmalen sollte man sich da wohl nicht.

Wie sagte eine Kollegin: Die Großhirnlappen sagen einem, dass alles gut gegangen ist, dass man mit blauen Flecken davongekommen ist, aber emotional muss man das dennoch erst einmal verarbeiten. So war ich ganz froh über die zwei Tage Krankschreibung, denn das Ganze steckte mir in jeder Hinsicht in den Knochen.

Der Unfallverursacher brachte mir am Donnerstag Blumen, Wein und Pralinen, das war eine wirklich sehr nette Geste, über die ich mich sehr gefreut habe. Ich hatte ihn von Anfang an auch eher als „Opfer“ der Situation wahrgenommen, der sicherlich genauso geschockt wie ich war. Ihm hatte nämlich jemand aus dem Gegenverkehr reinlassen wollen und signalisiert, er könne fahren. Mich hatte er schlicht übersehen. Wir waren beide wirklich dankbar, dass das so glimpflich abgelaufen ist.
Aufs Fahrrad habe ich mich seither noch nicht wieder gesetzt, aber auch zu Fuß schon festgestellt, dass ich vorsichtiger im Straßenverkehr bin. Und auf meinen Weihnachtswunschzettel kommt besser nun endlich mal ein Fahrradhelm!

 

Rosa.

What a feminist looks like.

Auf dem Weg zur Arbeit überholte ich letzte Woche zwei Mütter mit ihren Kindern. Die eine hatte einen Jungen, die andere ein Mädchen an der Hand. Gerade als ich vorbeiging, hörte ich letztere über ihre Tochter sagen: “ Sie hat eine rosa Kiste mit all ihren Mädchen-Legos drin.“ Ich war echt verblüfft. Wahrscheinlich lebe ich wirklich hinterm Mond, aber dass es Mädchen-Lego gibt, wusste ich nicht. Lego habe ich als Kind geliebt, mein Bruder und ich hatten eine Riesenkiste (die war aus Holz) mit vielen bunten Steinen – rosa und lila gab es damals noch nicht.

Einen Tag später hörte ich meinen Lieblingssender EgoFM, und die Moderatorin machte eine Ankündigung, bei der sie es für notwendig hielt, vorab zu betonen, dass sie auf gar keinen Fall eine Feministin sei, auch wenn sie für Gleichberechtigung ist. Ich fühlte mich gleich bemüßigt, sie per Facebook-Nachricht zu fragen, ob denn „Feministin“ für sie ein Schimpfwort sei. Netterweise schrieb sie gleich zurück und bestätigte, dass das Wort wohl Entstigmatisierung nötig hätte.

Heute auf Facebook habe ich mir mit Interesse die Getränke- und Speisekarte des neuen Giesinger Stehausschanks angesehen. Und denke, ich seh nicht richtig, dass hier (außer Bier) Getränke explizit für „Damen“ (Prosecco, Grüner Veltliner, Zweigelt) und für „Herren“ (Gin Tonic, Cuba Libre) angeboten werden. Gin Tonic ist also nix für Frauen, und wehe ein Mann kriegt Lust auf einen Grünen Veltliner.

Das alles in nur einer Woche im Jahr 2017. Mir wird da angst und bange – man hat wirklich das Gefühl, es ändert sich einfach nichts. Dass die Mädchen von heute in einer rosa und lila Welt aufwachsen, ist Realität – ich sehe auch ein, dass sie die Farben gern haben, über KiTa, Kindergarten, Schule beeinflusst werden und es für Eltern gar nicht so leicht ist, dem Einhalt zu gebieten. Das war auch schon früher so. Letztens hatte ich das Foto meiner Einschulung in der Hand – siehe da, ich hatte ein altrosa Dirndl an und meinen geliebten McNeill-Schulranzen in rosa! Nur die Schultüte war rot, das war nämlich die alte von einem Bruder…

Ganz klar, die Farben sind nicht das Problem, genauso wenig wie der Prosecco, denn die Sex and the City-Generation gern trinkt. Das Problem ist die Verniedlichung von Mädchen und Frauen, die Vereinfachung, das Kleinmachen, welches heute mit der Farbe gleich mitgeliefert wird. Die Initiative „Pinkstinks“ stellt das gut dar und sagt „Love pink, hate pinkification“. Es sind nicht die Kleinigkeiten, die gern marginalisiert werden, es ist die Summe aller Dinge, die dazu führt, dass das Frauenbild im 21. Jahrhundert immer noch kein gleichberechtigtes ist. Das dazu führt, dass wir immer noch einen Gender Pay Gap haben, dass es immer noch eine gläserne Decke gibt, dass viele Frauen dank Kindererziehung und Teilzeit in der Altersarmut landen. Und leider wohl auch dazu, dass Frauen ohne Konsequenzen von Männern sexistisch angesprochen und belästigt werden können (siehe #metoo).

Deshalb ärgert es mich so, wenn Mädchen (nur) mit rosa Lego und Frauen mit Prosecco abgespeist werden, wenn Frauen sich für Gleichberechtigung einsetzen, aber mit Feminismus lieber nichts zu tun haben wollen. Deshalb möchte ich am liebsten allen Eltern da draußen zurufen: Wollt ihr wirklich, dass sich für eure Söhne und Töchter nichts ändert?!

The disease is growing; it’s epidemic
I’m scared that there ain’t a cure
The world believes it, and I’m going crazy
I cannot take any more
I’m so glad that I’ll never fit in
That will never be me
Outcasts and girls with ambition
That’s what I wanna see (c’mon)
Disasters all around
(Disasters all around)
A world of despair
(A world of despair)
Your only concern
‚Will it fuck up my hair?‘
P!nk  ~ Stupid Girls