Schubladen.

Es mag nur meine persönliche Erfahrung oder Wahrnehmung sein, aber sind wir Deutschen besonders groß im Schubladen-Denken? Es fängt vielleicht schon damit an, dass wir es in unserem Schulsystem lange mit einer ausgeprägten Differenzierung zu tun hatten. Gerade in Bayern hat die Gesamtschule sich in keinster Weise durchgesetzt und die Durchlässigkeit im Schulsystem ist erst seit ein paar Jahren verbessert.

Ähnlich verhält es sich dann mit der Berufswahl, nur mit dem spezifischen Zertifikat in der Tasche hat man die Chance, in einem Beruf zu arbeiten. Es gibt kaum die Möglichkeit, ohne zusätzliche Ausbildung die Branche zu wechseln. Im sozialen Bereich erlebe ich es so, dass die Einstellung (und dann auch Einstufung) ganz eng an die Qualifikation gebunden ist, die sich aber nur am entsprechenden Ausbildungsabschluss bemisst, nicht an etwaigen Kompetenzen oder Erfahrungen. Ähnlich verhält es sich mit der Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Erst kürzlich habe ich mich mit einem Australier unterhalten, der einen Bachelor in Occupational Therapy, also Ergotherapie, hat. Er wartet schon seit über einem Jahr auf die Anerkennung seines Abschlusses in Deutschland und arbeitet im Moment (viel schlechter bezahlt) als Pflegehilfskraft in einer Förderstätte. In England war es kein Problem für ihn gewesen, mit seinem australischen Zeugnis direkt in seinem Beruf zu arbeiten.

Genauso erlebe ich das Schubladen-Denken in meiner Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Da wird differenziert zwischen körperlicher, geistiger/kognitiver, seelischer und Sinnes-Behinderung sowie chronischer Krankheit. Entsprechend sind auch die Unterstützungsleistungen differenziert und die Leistungserbringer spezialisiert. Nun sieht aber die Realität oft so aus, dass mehrere Behinderungen miteinander einhergehen, gerade eine seelische Komponente findet sich bei erworbener Behinderung zum Beispiel sehr oft.

So etwas kann unser System ins Schleudern bringen. Ich kenne eine junge Frau, die im Grunde relativ selbstständig ist, aber doch eine Mischung an Beeinträchtigungen mitbringt. Sie hat eine nicht sehr starke körperliche Behinderung, was sich in leicht unsicherem Gang und der Feinmotorik einer Hand ausdrückt. Aufgrund dieser Diagnose hat sie einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die auf Körperbehinderung spezialisiert ist. Die junge Frau hat nun allerdings auch noch eine Lernbehinderung sowie eine psychische Beeinträchtigung. Sie ist nun in einem Alter, wo ihre Eltern und sie darüber nachdenken, ob der Auszug aus dem Elternhaus nicht langsam an der Zeit wäre. Sie würde sehr gern in eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung nahe ihrer Heimatgemeinde ziehen, in der schon eine Freundin von ihr lebt. Jedoch ist diese Wohngemeinschaft in Hand eines Leistungserbringers, der auf geistige Behinderung spezialisiert ist. Damit also die Unterstützung im Rahmen der Eingliederungshilfe bezahlt wird, braucht die Einrichtung die Diagnose geistige Behinderung. Diese könnte sie schon bekommen… doch das würde bedeuten, dass sie ihren Arbeitsplatz aufgeben müsste, weil hier die Diagnose Körperbehinderung zählt. Ihre Arbeit macht ihr aber Spaß und sie fühlt sich dort wohl. Dies alles in Zeiten der UN-Behindertenrechtskonvention, wo wir Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung sowie ein Wunsch- und Wahlrecht in Bezug auf die Wohnform erreichen wollen. Schlimm!

Das war etwas, was mir in Schottland besser gefallen hat, auch wenn ich insgesamt noch nicht ganz sicher bin, wer hier in punkto Inklusion von wem lernen kann.  In Schottland haben die Leute zunächst mal „additional needs“ – das kann von einer kognitiven, körperlichen oder Sinnes-Behinderung über ADHS, Suchterkrankung, psychischer Beeinträchtigung, etc. alles sein. Es wird der Mensch gesehen und dann gefragt, was er/sie an Unterstützung braucht, während ich bei uns stark den Eindruck habe, die Diagnose steht weit vor dem Menschen – und eben dann manchmal nur eine von vielfachen Diagnosen.

Menschen scheinen sich einfach schwer zu tun, wenn sie jemanden nicht in eine Schublade packen können. So versuche ich mir auch die ausgeprägte Transfeindlichkeit zu erklären, die es leider gibt. Es war mir nicht bewusst, in welchem Ausmaß Trans-Menschen hier zu kämpfen haben, die Geschichte von Linus Giese (siehe Tagesspiegel: Transfeindlichkeit im Netz – Der Hass der Anderen), dem ich über Twitter folge, hat mir hier die Augen geöffnet und mir gezeigt, was außerhalb meiner Filterblase so abgeht.
Klare Zuordnung, ob über biologische Geschlechtsmerkmale oder binäre Geschlechterordnung, scheint manchen Leuten eine unverzichtbare Sicherheit zu geben, es darf nur rosa und hellblau geben, keinen Wechsel und nichts dazwischen. Man kann nur hoffen, dass die Offenheit und der Kampf von Menschen wie Linus Giese und auch die Anerkennung eines dritten Geschlechts hier zu mehr Akzeptanz beiträgt. Wobei mir wirklich das Verständnis dafür fehlt, wo sich Menschen bedroht oder beeinträchtigt davon fühlen könnten, dass sich Menschen nicht dem biologischen Geschlechtsmerkmalen, mit denen sie geboren wurden, oder dem binären System zugehörig fühlen.

Nicht selten ertappt man sich auch selbst dabei, dass man Menschen in eine Schublade gepackt hat, in die sie auf einmal nicht (mehr) passen wollen. Menschen sind komplex, Menschen ändern sich. Wie schön und überraschend es sein kann, nochmal eine andere Facette eines Menschen kennenzulernen, wenn man ihm oder ihr auch die Chance dazu gibt.

Sie wissen genau wer du bist
Du bist uns so einer
Sie sagen es so wie es ist
So gut kennt dich keiner
Und zwar bist du vom Wesen soundso
Soundso so irgendwie
Verstehen sie dich, das macht sie froh
So einer ändert sich nie

Aber nichts davon bestimmt dich, weißt du
Nichts davon verglimmt nicht mit der Zeit
Nur du bestimmt nicht, weißt du
Nichts davon, ist wirklich nichts davon
Soundso und sowieso bleibt nichts davon
Soundso und sowieso ist nichts davon
Soundso
Glaub mir nichts davon bist du

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