München.

„Diese Stadt gibt uns einen Arschtritt!“ So brachte es kürzlich jemand aus meinem Freundeskreis hart und schmerzlich auf den Punkt. Wir können hier seit Jahren dabei zusehen, wie die Immobilienpreise und Mieten ins Unermessliche steigen. Genauso wie man überall spürt, wie es in der Sadt immer enger wird. Ein Spaziergang an der Isar wird bei Sonnenschein schnell ein unfreiwilliges Bad in der Menge, wenn man nicht gleich weiter draußen startet. Bei der U-Bahn am Hauptbahnhof ist man es schon gewohnt, im Berufsverkehr von Personal in Warnwesten gelenkt zu werden, auch wenn es noch nicht Tokioter* Verhältnisse sind. Am Sendlinger Tor wird deswegen der Bahnhof nun auch umgestaltet, was aber im Moment zu noch gefährlicheren Zuständen führt. München darf sich außerdem „Stau-Hauptstadt“ nennen und hat dementsprechend eine äußerst hohe Feinstaubbelastung. Dass Fahrradfahren auch nicht mehr immer Spaß macht, erklärt sich von selbst.

Dennoch: München ist meine Stadt, da bin i dahoam, wenn man so will. Den momentan so überstrapazierten Begriff Heimat möchte ich gerade ungern verwenden (und an dieser Stelle auf meinen Lieblings-Twitter-Thread dazu verweisen). Doch bin ich hier verwurzelt, fühle mich zu Hause, liebe meine Stadt und will auch nicht weg. Hier hab ich den größten Teil meines Lebens verbracht – durch mein Jahr in England weiß ich, dass ich mich auch woanders pudelwohl und heimisch fühlen kann, und dieser schöne Teil Englands wird auch immer mein zweites Zuhause bleiben – aber mein erstes Zuhause bleibt eben München.

Als Studentin verließ ich die Maxvorstadt kaum, da sich Uni, Arbeit, Wohnung und Kneipen in einem wahrlich magischen Quadratkilometer befanden…  dann das urige Giesing, das ich immer noch ein bisschen vermisse, das Lehel, wo ich viele Jahre direkt am Englischen Garten arbeitete, das (Glockenbach-)Viertel, das trotz allem Zuzug immer noch ein bisschen „unser“ (LGBTIQ-)Viertel ist, unsere schöne Wohnung mitten in Neuhausen, ruhig und zentral… ich mag es hier. Selbst mit Trudering, wo ich aufgewachsen bin, und das ich immer als sehr eng(stirnig) erlebt habe, habe ich mich mittlerweile halbwegs versöhnt.

Ich mag, dass München groß genug ist, Anonymität zu gewährleisten, sodass man meist auf Veranstaltungen geht, wo man niemanden kennt. Dass es aber auch klein genug ist, dass man doch mal Freunde zufällig in der U-Bahn trifft. Und dass man mit dem Radl überall hinkommt. Dass man schnell am Badesee oder der Isar ist, wo man einfach reinspringen kann. Grillfeiern am Flaucher… Biergarten… Christkindlmärkte… dazu muss ich wohl nichts sagen. Die Liebe zur Wiesn wurde mir in die Wiege gelegt. München bietet natürlich auch ein immenses kulturelles und kulinarisches Angebot, das man wahrnehmen kann – auch wenn man es dann seltener tut, als man vielleicht sollte/wollte.

Besonders mag ich auch die kleinen Verschrobenheiten und Geheimnisse, wie die Ost-West-Friedenskirche mitten im Olympiapark, die Subkultur vom Tröpferlbad über die Glockenbachwerkstatt bis hin zum Bahnwärter Thiel.
Sehr freuen kann ich mich über das großartige Engagement für Geflüchtete und gegen Rassismus, von München ist bunt bis Bellevue di Monaco. Außerdem gibt es sogar ein lesbisches Straßenfest, die Schwuhplattler und ein „rosa Stangerl“ (Maibaum im Glockenbachviertel). Und so vieles mehr, was hier den Rahmen sprengen würde.

Wie schon ausgeführt, mag ich natürlich auch die Grantigkeit – wie musste ich mich erst letztens ärgern wundern, als wir gerade noch voller Eindrücke aus dem Theatersaal kamen und sich an der Garderobe einer schon wieder total aufmandeln konnte, weil das mit seinem Mantel nicht so schnell klappte, wie es sollte. Na gut, es war nach Macbeth, immerhin floß an der Garderobe kein Blut!

Was ich aber gar nicht mag: diese Stadt verjagt meine Freund*innen. Aus meiner Studienzeit ist kaum noch wer übrig, denn ab zwei Kindern ist es hier einfach zu teuer – woanders kann man fürs gleiche Geld gar fürstlich leben. Der letzte dieser Abschiede ist nun eine Woche her und hat mich zu diesem Blogpost bewegt. Meine Liebe zu München ist immer noch ungebrochen, doch sie entwickelt sich wohl langsam zur Hassliebe.

Es muss wirklich etwas passieren, die Stadt hat viel zu lange verschlafen, hier tätig zu werden. Unterstützenswert sind Initiativen wie das „Bündnis Bezahlbares Wohnen“ oder auch laute Proteste gegen die Gentrifizierung.
Und, liebe Freund*innen, die ihr noch hier seid – lasst euch nicht vertreiben, bitte bleibt! In dieser schönen Stadt!

*Das schreibt man echt so. Mit „t“. Sagt der Duden. Hamma wieder was gelernt.
Nachtrag: es geht aber auch ohne das „t“. Sagt auch der Duden. Aber das nur für so Rechtschreib-Nerds wie mich…

7 Kommentare

  1. Ian, it’s about property prices in Munich going through the ceiling… how friends are leaving because it’s getting too expensive, especially when you have kids, and about how much I still love my home town despite all of that.
    It remains the best city on earth – you will certainly agree. 🙂

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