Traditionen.

Viele Jahre stellte sich mir nie die Frage, wie ich wohl Weihnachten verbringen würde. Denn es war klar: wie immer eben. Das bedeutete, in meinem Elternhaus, zusammen mit meiner Mutter und meinem Bruder. Irgendwann kam immer auch mein Vater vorbei und blieb unterschiedlich lang, oft auch zum Essen. Das war auch gesetzt: Fleischfondue (Rind, Kalb, Schwein) mit Baguette, Mixed Pickels und selbstgemachten Saucen. An die Zeiten, als noch meine Großeltern väterlicherseits dabei waren und es wohl immer Weißwürste für meinen Opa gab, da er der Meinung war, vom Fondue würde man nicht schnell genug satt, kann ich mich nicht aktiv erinnern.

Der Ablauf der Weihnachtsabende veränderte sich nur geringfügig, als wir älter wurden. Irgendwann halfen mein Bruder und ich immer mehr mit, irgendwann wohnten wir nicht mehr zu Hause, kamen aber spätestens gen Mittag, um den Baum zu schmücken. Was blieb, war die Glocke, mit der mein Vater uns ins Wohnzimmer klingelte, wo die Bescherung stattfand und wir mehr schlecht als recht ein paar Weihnachtslieder zusammen sangen – oft spielte ich lieber Blockflöte (verlernt man nie) als selbst zu singen. Irgendwann hatte sich dann auch eingespielt, dass ich in der Adventszeit an ein paar Tagen mit meiner Mutter zusammen die Plätzchen buk. Auch hier gab es keine Experimente: Zimtsterne, Husarenkrapferl, Vanillekipferl, Kokosmakronen und jede Menge Walnussherzen.

Auch in der Besetzung änderte sich interessanterweise nicht viel, eine Ausnahme war da nur einmal ein Weihnachten zu Teenagerzeiten, als eine Freundin zu späterer Stunde zu uns stieß, die vorher ehrenamtlich bei der Obdachlosen-Weihnachtsfeier im Hofbräuhaus geholfen hatte und erst am nächsten Tag zu ihrer Familie fuhr. Mein Bruder heiratete später eine Atheistin, die an Weihnachten lieber ins Kino geht, während er den Traditionen verhaftet blieb und auch immer in die Christmette wollte, was meiner Mutter und mir eher anstrengend erschien. Und auch ich war mehrere Jahre mit einer Frau liiert, die kein großes Interesse an Weihnachten hatte. Natürlich gab es auch bei uns Familienstreit an Weihnachten, weil besonders meine Mutter oft gestresst war und sich unter Druck fühlte. Doch (auch dank unseres sehr starken Weihnachtspunsches nach Familienrezept) gab es am Heiligen Abend zu später Stunde auch oft die ehrlichsten und tiefgehendsten Gespräche, die ich immer sehr schätzte.

Alles änderte sich 2009 durch den Tod meiner Mutter. Auf einmal war alles anders. Mein Vater war wieder in unser Elternhaus gezogen, doch auch wenn wir zuerst noch versuchten zu feiern wie immer, war Weihnachten einfach nicht mehr so wie es war. Erst fand ich das traurig und schwierig, doch dann lernte ich die neue „Freiheit“ auch zu schätzen. Zeitgleich lernte ich damals in meiner neuen Beziehung andere Weihnachtstraditionen kennen – nämlich die englischen. In meinem Englandjahr war ich für Weihnachten nach Hause geflogen und kannte daher die Gebräuche nur von Erzählungen. Ich weiß auch nicht, ob die Familie meiner Frau repräsentativ für England ist, aber anders als bei uns in Deutschland ist es allemal. Besinnlichkeit wird hier nicht groß geschrieben, natürlich wird auch fein und viel gegesssen, der Truthahn darf da nicht fehlen. Aber ansonsten wird viel ausgelassener gefeiert und es gehört auf jeden Fall auch das eine oder andere Gesellschaftsspiel dazu.

Die Familie meiner Frau hat mich sofort aufgenommen und ich fühle mich sehr wohl dort, auch wenn ich sicher immer die etwas steife Deutsche bleibe, die einen kleinen Schubser braucht, um genauso ausgelassen zu feiern, zu tanzen und zu singen. Jede Gelegenheit für Karaoke oder einen Tanz im Wohnzimmer wird hier genutzt und so ist Weihnachten wirklich ganz anders, nicht nur weil es einen Tag später stattfindet. Wichtig sind natürlich auch die Christmas Cracker, in denen sich auch immer die Papierkronen befinden, die man dann den ganzen Abend trägt. Wobei hier auch schon aufgerüstet wurde und es jegliche Art von Weihnachtshüten und -kopfschmuck gibt (vom Christmas Elf über Santa’s Beinen bis zu Rentierohren), welcher tapfer getragen wird.

Meist verbinden wir heute beide Traditionen, indem wir den Heiligen Abend in München mit meinem Vater und meinem Bruder verbringen, um dann am 25. Dezember morgens nach England zu fliegen. Dieses Jahr hatten wir unser Familientreffen aber bereits eine Woche vor Weihnachten anlässlich meines Geburtstages, sodass wir schon am 22. Dezember nach England aufbrachen. Wieder war alles anders. Zum ersten Mal hatte ich aus Zeitnot auch keine Plätzchen gebacken und auch den Weihnachtspunsch gab es heuer nicht. Besonders über ersteres zeigte sich dann die englische Familie enttäuscht – die besten der deutschen Bräuche hatten sich also hier mittlerweile eingebürgert. Ich hingegen würde den Christmas Pudding mit Brandy Cream nicht mehr missen wollen.

Mal sehen, was das nächste Jahr an Weihnachten bringen wird – noch sind keine Pläne gemacht. Fest steht, dass nichts sein muss wie es immer war, und dass man sich das schönste der Traditionen ganz selbstbestimmt aussuchen kann.
Nun steht erstmal Silvester an, da hab ich mir die Tradition des Böllerns seit einigen Jahren abgewöhnt und wäre froh, wenn das auch andere tun würden… Eine ganz neue Tradition wird das Öffnen aller Zettel mit besonderen Erlebnissen und Erinnerungen sein, die wir das Jahr über notiert haben. Darauf freue ich mich. In diesem Sinne: Happy New Year!!!

7 Kommentare

  1. Happy New Year Bettina and Nicole.
    We all love you both and hope to see you again soon. I’m looking forward to hearing you on recorder – a talent hidden from the Mags all those years ago!
    X

  2. liebe bettinina wunderschön geschrieben <3 mit deiner schwiegermutter zu feiern ist was ganz besonderes das vermisse ich wünsche euch einen guten start ins neue jahr

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.