Wiesn.

Jedes Jahr steht München bekanntermaßen für zwei Wochen Kopf. Als Münchner*in liebt oder hasst man die Wiesn – beide Gefühle können jedoch durchaus nebeneinander existieren. So ist das auch bei mir. Es ist wirklich nicht besonders schön, sich in diesen zwei Wochen in den angrenzenden Stadtteilen aufzuhalten, mit den entsprechenden brechend (pun intended!) vollen U- oder S-Bahnen zu fahren oder auch nur an betroffenen Bahnsteigen immer Ausschau halten zu müssen, um nicht in Erbrochenes zu treten.

Meinen Arbeitsweg hat die Wiesn in meiner Zeit im Lehel mehr betroffen, da benutzte ich die U5, wenn ich nicht radelte. Dafür fuhr in der Oettingenstraße regelmäßig das Brauereigespann vorbei und sorgte so für gute Stimmung am Arbeitsplatz. Auf meinem momentanen Arbeitsweg erlebe ich lediglich die trachtengewandete Umlandsbevölkerung auf dem Weg zum Oktoberfest, meist dann mit einer Flasche Bier beim Vorglühen. Wobei sich mir noch nie erschlossen hat, wie man überhaupt vorglühen kann/muss. Mir ist das Wiesnbier stark genug und so teuer ist der Rausch insgesamt auch nicht, denn soviel kann ich gar nicht davon trinken.

Natürlich ist die Wiesn eine bizarre Veranstaltung. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich englische Freunde zum ersten Mal mit dorthin nahm. Zunächst waren sie als Bier-Experten enttäuscht vom „Beer Festival“, denn wo waren da bitteschön verschiedene Biere, die man verkosten kann? Doch selbstverständlich liebten sie die Wiesn spätestens bei der zweiten Maß, mittendrin und schunkelnd auf der Bank.

Für mich gehört die Wiesn seit frühester Kindheit mit dazu, schon mit meinen Großeltern ging es jährlich auf die Wiesn – sehr beeindruckt hat mich damals meine Großtante, die mit mir rosa Zuckerwatte aß und diese nach der Fahrt mit einem Fahrgeschäft wieder von sich gab… oder mein Onkel, der mir im Rausch erklärte, dass er jetzt gern „Raffa“ (also Raufen) würde – gemacht hat er es zum Glück nicht. Bier war schon immer ein absolut akzeptiertes Rauschmittel in meiner Familie, eher ein Grundnahrungsmittel. Mein anderer Onkel feierte seinen Geburtstag gern auf der Wiesn, es war in den 80er Jahren auch gar kein Problem einen oder zwei Tische für die ganze Familie draußen im Garten zu bekommen.

Schöne Erinnerungen sind das. Tracht trug damals übrigens kaum jemand. Allerdings war sie bei uns in der Familie durchaus Thema. Eingeschult wurde ich im Dirndl und eine Zeitlang waren wir alle Mitglieder im Trachtenverein. Dann kam die trachtenlose Zeit, doch zu meinem 18. Geburtstag (oder war es zum Abitur?) bekam ich ein Dirndl und mein Vater trat auch irgendwann wieder in den Gebirgstrachtenerhaltungsverein ein, mit dem er mittlerweile nicht nur alle zwei Jahre beim Trachtenzug mitläuft, sondern sogar schon beim Papst in Rom auftrat. Mittlerweile habe ich (und sogar meine saarländisch-englische Frau) ein wunderschönes Dirndl mit tollen Details, welches die Schwester einer Freundin für uns angefertigt hat, die Trachtenschneidermeisterin ist – kann ich besten Gewissens weiterempfehlen!
Was ich hingegen überhaupt nicht leiden kann, sind die Faschingskostüme, „Leder“hosen aus Plüsch und Plastik, Landhausmode und einfach grausige, billige oder auch schweineteure Trachtenimitationen. Wenn es nicht arme fehlgeleitete Touris sind, steckt in solchem Outfit meist auch die entsprechende Person, mit der ich nicht zwingend einen Abend verbringen mag – die treiben sich aber in anderen Zelten rum (warum es auf der Wiesn ein Weinzelt oder ein Zelt von Feinkost Käfer braucht, hab ich noch nie verstanden), sodass ich sowieso nicht auf sie treffe.

In meiner Jugend ging ich immer gern mit Freund*innen raus, zunächst in den Schottenhamel, wo ein Schulfreund immer einen Tisch organisieren konnte (über die Junge Union, da hatte ich damals kaum Skrupel), später dann eher ins Hacker. Wilde Abende waren das manchmal, aber auch wenn wir manchmal durchaus über die Stränge schlugen, auch mal Typen kennenlernten, die wir dann am Ende des Abends am Haupteingang warten ließen, während wir uns durch den Hinterausgang davonschlichen, oder danach noch weiterzogen in Bars und Clubs, so passierte nie etwas und fühlte ich mich zum Glück auch nie unsicher. Denn so tolle Aktionen wie die „Sichere Wiesn für Mädchen und Frauen“ gab es damals noch nicht.

Damals wie heute steht und fällt ein Wiesnbesuch mit den Leuten, mit denen man sich dort trifft – oder die man dort kennenlernt. Mein Vater war immer schon Meister darin, noch im vollsten Zelt einen Platz zu ergattern und mit allen Tischnachbarn und natürlich -nachbarinnen ins Gespräch zu kommen. Das ist auch Wiesn für mich, Völkerverständigung und gemeinsames Feiern. Heute gehe ich eigentlich nur noch raus, wenn ich über Bekannte bei einer Reservierung dabei sein kann, wenn die Sonne scheint und man zur Mittagswiesn etwas mehr Ruhe hat oder wenn es auf die Oide Wiesn geht. Da ist es immer noch recht gemütlich und es gefällt mir auch, wie dort an die alten Fahrgeschäfte und Gepflogenheiten erinnert wird. Alte Fahrgeschäfte gibt es zum Glück auch sonst noch ein paar – das Teufelsrad war gestern zum Beispiel packend voll (siehe unten) und auch der Toboggan oder die Krinoline macht auch ohne neueste Technik viel Spaß.

Zwei Wochen Wiesn-Wahnsinn sind wahrlich genug. Aber ich möchte die Wiesn auch nicht missen, sie gehört zu meinem München dazu. Anders als man vielleicht denken mag, ist das Oktoberfest nämlich immer noch ein Fest auch für Münchnerinnen und Münchner – nicht nur für Tourist*innen.

 

 

3 Kommentare

  1. Da wage ich mich kaum outen… War gar nicht dieses Jahr und letzten auch nicht… Ich habe es überlebt, und wie der Jörg trocken angemerkt hat: der (die?) Wiesn auch… Hihihi

  2. Na, dann wird’s aber nächstes Jahr mal wieder Zeit für die(!) Wiesn! Immer nur Weinstraßenfest ist ja einseitig…

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