Lesen.

Urlaub bedeutet auch immer Lesezeit. Meistens, wie auch dieses Mal, schleppe ich aber zu viele Bücher mit, weil ich das mögliche Lesevolumen völlig überschätze. Allerdings stelle ich auch fest, dass sich mein Leseverhalten in einigen Aspekten geändert hat.

Zum einen kann ich mich nicht mehr so lange am Stück konzentrieren wie früher, was sicherlich auch auf Smartphone, Social Media und sämtliches damit einhergehendes Verhalten zurückzuführen ist. Die Aufmerksamkeitsspanne hat sich deutlich verringert und ein Buch muss schon sehr fesselnd sein – oder ich mich bewusst dazu „zwingen“, dass ich über einen längeren Zeitraum ohne Unterbrechung dranbleibe. Das finde ich erschreckend, denn früher habe ich über ein Buch viel leichter Zeit und Raum vergessen können.

Zum anderen lese ich anders als zu meinen Studienzeiten. Das ist ganz interessant, denn damals habe ich mich gefragt, ob ich jemals ein Buch wieder „einfach so“ lesen können würde, ohne in eine Form der Analyse einzusteigen. Nun bin ich manchmal überrascht, wenn mich meine Frau z.B. darauf anspricht, wie ich denn den Wechsel der Erzählperspektive in einem Roman empfand und ich feststelle, dass ich diesen zwar wahrgenommen, aber daran keinen weiteren Gedanken verschwendet hatte.

So wünsche ich mir mit Blick aufs Lesen, mich Büchern wieder bewusster und konzentrierter zu widmen. Dazu wiederum wünsche ich mir natürlich auch mehr Lesezeit, die im Alltag oft fehlt. Meist kommt mir da die Müdigkeit dazwischen – wenn man einen Absatz dreimal gelesen hat, weil einem immer wieder die Augen zufallen, ist es wohl eher Zeit zu schlafen… oder man schaut doch noch etwas fern, da dies einfacher fürs doch recht faule Hirn ist.

Ein Austausch über das Gelesene macht dieses wiederum viel wertvoller. Deshalb mag ich es auch sehr, Bücher empfohlen oder geschenkt zu bekommen. Selbst wenn es dann zugegebenermaßen ewig dauern kann, bis ich diese endlich lese. Doch dann ist es schön, mit den Empfehlenden oder Schenkenden ins Gespräch über den Lesestoff zu kommen.

Seit meiner Studienzeit habe ich allerdings keinen Austausch über Literatur in größerer Runde mehr erlebt. So war es etwas Besonderes, vergangenen Monat am Leseclub des Vereins „Frauenstudien“ teilzunehmen. Es ging um Margaret Atwoods dystopischen Roman „Der Report der Magd“. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass er mir bis vor Kurzem kein Begriff war, obwohl er Feminist*innen-Pflichtlektüre darstellt.

Doch dieser Roman aus dem Jahr 1985 musste im vergangenen halben Jahr einfach gelesen werden, kein Weg führte daran vorbei. Erst wurde in der Konferenz zu „Ethics for a broken world“ auf ihn verwiesen und wir bekamen ein Exemplar von einem Freund geschenkt. Kurz darauf kam über den Frauenstudien-Newsletter die Einladung zum Leseclub, womit die Deadline fürs Lesen auch gesetzt war. Schließlich wurde auch in den Medien vermehrt darüber berichtet, da kürzlich eine Serie dazu produziert wurde. Vielleicht ist es nur dieses Phänomen, dass man Dinge stärker wahrnimmt, weil man sich gerade damit beschäftigt (das Phänomen hat auch einen Namen, ich komm nur grad nicht drauf – bin dankbar für Hinweise!)  – aber gerade gestern war in meiner Facebook-Timeline ein aktuelles Interview mit Margaret Atwood, man kommt gerade nicht an ihr vorbei.

Eigentlich aber auch kein Wunder: Vor über 30 Jahren hat Margaret Atwood eine Dystopie kreiert, die nichts an Aktualität verloren hat. Leider ist eine solche Welt durchaus vorstellbar, manche Elemente sind aus der Geschichte bestens bekannt, andere nicht weit entfernt von der heutigen Realität. Im Leseclub waren wir so schnell bei einer aktuellen politischen und feministischen Diskussion. Wir sprachen auch darüber, was wir am erschreckendsten im Roman fanden, der bei manchen Leserinnen sogar Alpträume hervorgerufen hatte. Mir fiel da sofort die Stelle ein, an der der Protagonistin wie allen anderen Frauen in ihrem Land der Zugang zu ihrem Bankkonto verwehrt wurde. Nur noch Männer durften dann auf die Konten zugreifen. Ein sehr beklemmender Gedanke, wie schnell so etwas technisch auch möglich wäre – und wie wenig man sich dagegen wehren könnte.

Das Gespräch über den Roman hat mir gut gefallen und es war inspirierend, auch mal wieder ein bisschen intensiver mit einem Text zu arbeiten. Meine Leselust hat dies verstärkt und so will ich versuchen, Lesen wieder mehr in meinen Alltag zu integrieren. Natürlich auch in den Urlaub, der sich leider dem Ende zu neigt. Doch den wirklich fesselnden Roman „Half of a Yellow Sun“ von Chimamanda Ngozi Adichie will ich nun endlich fertigkriegen, der Stapel ungelesener Bücher wächst schließlich weiter.

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