Stille.

Im letzten SZ-Magazin fand sich das wirklich lesenswerte Interview mit dem Philosophen Ralf Konersmann über die Frage, wie die Unruhe in unser Leben kam. Er beschreibt die Unruhe als kulturelles Phänomen und ich finde mich (uns) in seinem Worten absolut wieder, wenn er sagt:

Es ist nicht der Einzelne, der gestresst ist, wir leben in einer Kultur, die in sich fragmentiert, zerrissen, anstrengend, eben unruhig ist, in einer Gesellschaft, die sich als ruhe- und rastlos präsentiert. Wenn ich zu einem Nachbarn oder Freund sage: »Ich muss los«, werde ich sofort verstanden, weil wir alle Leute sind, die demnächst losmüssen.

Im weiteren Interview beschreibt er sehr treffend das Phänomen, wenn an es an einem freien Tag gar nicht gelingen mag, die Leere zu genießen. Wie gut ich das kenne – ein freier Tag kann unglaublich schnell vorbei sein, wenn man „nur mal eben“ eine Trommel Wäsche wäscht, die Küche putzt, Einkäufe macht und ein paar Mails beantwortet. Abends ärgert man sich dann über die fehlende Erholung. Die große Ninia LaGrande stellt in ihrem Blog auf wunderbare Weise dar, wie es einem gehen kann, wenn man auf Knopfdruck entspannen will:

„Ja, da versuche ich dann mal, zu entspannen“, ist immer mein Plan für die kleinen Lücken in meinem vollgestopften Terminkalender. Es hat aber sehr wenig mit Entspannung zu tun, wenn man sich verkrampft auf das Sofa setzt und denkt: „So, in den nächsten drei Stunden entspannst du jetzt mal.“ Nach spätestens zwei Minuten habe ich irgendeinen Quatsch im Fernsehen gefunden oder ein Handyspiel gespielt, und mich nach einer Stunde gefragt, wo die Zeit nur wieder hin ist. Und danach stehe ich auf, denke, jetzt habe ich halt ein bisschen entspannt und suche mir eine Aufgabe.

Mit dem Thema „zur Ruhe kommen“ setze ich mich schon eine Weile auseinander, ganz besonders seit ich mit Achtsamkeit im Alltag, MBSR und Meditation begonnen habe. Auslöser war eine akut belastende Situation, doch den Mehrwert möchte ich auch im normalen Alltag nun nicht mehr missen. Zugegebenermaßen handelt es sich auch um einen Trend, dem man momentan überall begegnet. Ich bin an sich skeptisch bei jeglichen Hypes, aber dieser hat eben wohl grad gut in mein Leben gepasst. Kritisch kann man es natürlich sehen, dazu gefällt mir jedoch Ralf Konersmanns Antwort sehr gut:

Viele Menschen aus dem liberalen, urbanen Milieu versuchen ihr zu entkommen, indem sie das Landleben stilisieren oder in Wellnesshotels in den Bergen Achtsamkeitsübungen machen. Wie bewerten Sie solche Versuche?
Jetzt versuchen Sie, mich zu kulturkritischen Äußerungen zu verleiten. Das möchte ich eigentlich nicht, aber gut: Ich empfinde diese Versuche gleichzeitig als hilflos und sinnvoll. Hilflos, weil sie ins Karikaturhafte abgleiten, wenn Menschen, die am eigenen Überdruss leiden, ihre Freizeitgestaltung weltanschaulich aufhübschen. Sinnvoll, weil sie ein notwendiges Experimentierfeld darstellen. Es ist wichtig, dass wir uns überlegen, was wir tun können, um die Initiative zurückzugewinnen, weil eine radikal zu Ende gebrachte Unruhe perspektivlos wäre. Aufmerksamkeit, zuhören, innehalten, sich in etwas versenken, diese Qualitäten wollen kultiviert sein. Und wenn sie uns helfen, aus der MTV-Haftigkeit unseres Lebens, aus der Nonstopkultur herauszukommen – warum nicht?

Die Qualitäten wollen kultiviert sein. Auf Achtsamkeit und Meditation bezogen heißt das „Üben, üben, üben“. Dazu bot sich mir heute reichlich Gelegenheit. Nachdem ich meinen eigentlichen „Tag der Stille“ aus gesundheitlichen Gründen leider verpasst hatte, war es heute soweit. Ich war vorher leicht nervös… acht Stunden nicht sprechen, nur in mich gekehrt sein – das klang durchaus herausfordernd. Tatsächlich vergingen die Stunden wie im Flug und ich habe nichts vermisst, am wenigsten mein Handy! Der Tag wurde sehr kurzweilig gestaltet, wir saßen nicht etwa acht Stunden meditierend rum, sondern es gab Körperübungen, Texte, Gehmeditation und sogar einen Ausflug nach draußen.

Zunächst war die Situation komisch, 25 Leute auf engstem Raum und alle schweigend. Schnell gewöhnte man sich aber daran. Die Mittagspause war besonders interessant, mir wurde hier sehr bewusst, wie abgelenkt man doch sonst ist, weil man neben dem Essen noch alles Mögliche macht oder bespricht. Einfach mal jede Menge Zeit zum Essen und keinerlei Ablenkung zu haben, war schon speziell. Es gelang mir natürlich nicht, die Gedankenmaschine kontinuierlich auszuschalten – doch immer wieder gab es diese wertvollen Momente. Was die Gedanken betrifft, so merkte ich, dass ich mit Themen, die mich die Woche über beschäftigt oder belastet hatten, meinen Frieden schließen konnte. Ein sehr befreiendes Gefühl, von dem ich hoffe, dass es anhält.

Friedlich ist das Adjektiv, dass die Stimmung nach dem Tag am besten beschreibt. Vielleicht auch, weil wir in einer Metta-Meditation zum Abschluss uns selbst, uns Nahe- und Nicht-so-nahe-Stehenden und allen Wesen auf der Welt nur das Beste wünschten. Klingt vielleicht esoterisch, war aber total stimmig am Ende dieses Tages.

Übrigens war ich nicht die ganze Zeit so friedlich. Interessanterweise entwickelte ich zu meinen Mit-Schweiger*innen auch ohne verbalen Austausch Sympathien, aber auch Antipathien. Da war die Frau, die meine Kissen verräumte, ohne dass ich darum gebeten hatte. Da waren zwei ältere Ladies, die in der Pause in der Küche belanglose Themen flüsternd bequatschten, statt zu schweigen. Und da war die Streberin, die quasi den ganzen Tag im perfekten Lotussitz verbrachte und ihren Mittagssnack dermaßen übertrieben achtsam aß… uff. Aber auch mit ihr schloss ich zum Ende des Tages meinen Frieden.

Ein solches Experiment kann ich also uneingeschränkt weiterempfehlen. Die Kunst wird nun sein, etwas davon in den stressigen Alltag mitzunehmen. Ich will’s versuchen!

»Niemand wird mehr als wir die Ruhe ersehnt, und die Unruhe geliebt haben.«   (André Gide)

1 Kommentar

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.