Hobbys.

Es klang ganz harmlos, als mich kürzlich ein Kollege fragte „Und, was für Hobbys haben Sie?“. Doch ich finde, die Frage hat es wirklich in sich. Wo als Kind, Jugendliche, vielleicht noch als Studentin, die Antworten wie aus der Pistole geschossen kamen, muss ich heute schon länger nachdenken.

Klar, die Freizeit ist beschränkter, also hat man weniger Zeit für ausufernde Hobbys. Wie oft kommt man abends heim, ist dann noch mit Kochen beschäftigt (was in diesem Fall weniger Hobby als Notwendigkeit ist) und sinkt nach dem Essen auf die Couch, um noch eine Folge der aktuellen Lieblingsserie zu schauen. Netflix als Hobby? Das will doch auch niemand wirklich.

Am Wochenende steht dann meist der Wohnungsputz an, man wühlt sich durch die Post der Woche und muss hier und dort noch etwas erledigen. Im Idealfall kann man mal ausschlafen und ausgiebig frühstücken… Freund*innen will man auch noch treffen, und schwupps, ist das Wochenende auch wieder rum.

Doch trifft man immer wieder mal Leute, die durchaus zeitraubende Freizeitbeschäftigungen, ob nun sportlicher, künstlerischer oder kultureller Natur, in ihr Leben integrieren, auch wenn sie einen ausfüllenden Beruf haben. Vielleicht ist es aber auch eine Definitionssache. Was gilt denn als Hobby? Muss das zwingend etwas „Großes“ sein wie Marathon-Training oder Saxophon spielen?

Oder ist es heute schon ein Hobby, wenn man Zeit im Internet verbringt – nicht mal zwingend nur verdaddelt, sondern zwischendurch gar anspruchsvolle Texte oder Blogs liest? Das ist schließlich oft meine S-Bahn-Beschäftigung auf dem Arbeitsweg. Hier versuche ich allerdings, auch ganze Bücher zu lesen – wobei der Leseerfolg aber individuell von Müdigkeitsgrad und Buch abhängt. Ein Kapitel darf hier schon mal nicht mehr als 15 Minuten Lesezeit dauern. Zuhause aber schon, womit Lesen also auch zu meinen Hobbys gehört.

Gilt denn Musik hören auch als Hobby? Neue Musik entdecken und auswählen (ob nun online oder im Radio), Spotify-Listen anlegen… Das mache ich gern in meiner Freizeit, es entspannt mich, bereitet mir Freude – warum also nicht auch so etwas „Kleines“ als Hobby gelten lassen.

Dann wäre da noch Sport. Das war immerhin mal mein Hobby, viele Jahre Judo, später Yawara (eine Art Jiu-Jitsu). Davon ist leider nicht mehr viel übrig – außer meine Frau, die ich immerhin beim Sport kennengelernt habe! Aber ab und an mal laufen gehen, einen Yogakurs machen… oder hin und wieder ein bisschen wandern und in die Berge gehen – klar, das mache ich gern in meiner Freizeit. Nur bin ich eben kein Vollblut-Yogi oder nehme mir den Himalaya vor.

Bloggen geht als Hobby durch, oder? Aber dafür habe ich auch nur so 2-3x im Monat die Zeit, Lust und Muße. Wie sieht es mit Meditieren aus? Zumindest verbringe ich viel Zeit damit… Ab und an belege ich einen mehrwöchigen Meditationskurs. Und meine Meditations-App, die ich mir eigentlich nur aufgrund des Zwischengongs nach 6 und des Endgongs nach 12 Minuten geholt habe, vermeldete letztens, dass ich nun insgesamt 24 Stunden mit ihr meditiert hätte. In der Zeit lernen andere wahrscheinlich die Basics einer Fremdsprache…

Dann ist da noch mein Ehrenamt. Da fließt zwar lang nicht mehr so viel Zeit rein wie früher, als ich noch Studentin war oder als mein Beruf noch ganz weit davon entfernt war, doch auch hier verbringe ich regelmäßig diverse Abende, meist mit Freude und immer mit dem Wissen, etwas Sinnvolles getan zu haben.

Wenn man also nachdenkt, kommt doch eine ganz schöne Liste zusammen. Vielleicht muss man sich einfach mal bewusst machen, was die eigenen Hobbys sind – auch wenn es eben vermeintlich „langweilige“ Freizeitbeschäftigungen sind, so machen sie doch Spaß und tragen zur Erholung bei. Und das ist ja schließlich das Wichtigste, oder?

Für mich ist es also in Ordnung, dass meine Hobbys nicht besonders oder herausragend sind, sondern eben eher „Mittelmaß“ – immerhin beschert mir das auch die Gelegenheit, hier dieses unglaublich lustige, kakophone, rotzige, schräge, punkige Lied der sympathischen Band mit dem abgefahrenen Namen „Acht Eimer Hühnerherzen“ zu posten:

Spiegel online, Rooibos Tee, die neue Foo Fighters-CD
Ich steh auf Mittelmaß
Das macht Spaß – Mittelmaß
Das macht Spaß mit dir im Gras
Es ist so langweilig
Und deshalb mag ich dich.

Oder natürlich auch unter meinen 2018/1-Favourites bei Spotify:

Schubladen.

Es mag nur meine persönliche Erfahrung oder Wahrnehmung sein, aber sind wir Deutschen besonders groß im Schubladen-Denken? Es fängt vielleicht schon damit an, dass wir es in unserem Schulsystem lange mit einer ausgeprägten Differenzierung zu tun hatten. Gerade in Bayern hat die Gesamtschule sich in keinster Weise durchgesetzt und die Durchlässigkeit im Schulsystem ist erst seit ein paar Jahren verbessert.

Ähnlich verhält es sich dann mit der Berufswahl, nur mit dem spezifischen Zertifikat in der Tasche hat man die Chance, in einem Beruf zu arbeiten. Es gibt kaum die Möglichkeit, ohne zusätzliche Ausbildung die Branche zu wechseln. Im sozialen Bereich erlebe ich es so, dass die Einstellung (und dann auch Einstufung) ganz eng an die Qualifikation gebunden ist, die sich aber nur am entsprechenden Ausbildungsabschluss bemisst, nicht an etwaigen Kompetenzen oder Erfahrungen. Ähnlich verhält es sich mit der Anerkennung ausländischer Abschlüsse. Erst kürzlich habe ich mich mit einem Australier unterhalten, der einen Bachelor in Occupational Therapy, also Ergotherapie, hat. Er wartet schon seit über einem Jahr auf die Anerkennung seines Abschlusses in Deutschland und arbeitet im Moment (viel schlechter bezahlt) als Pflegehilfskraft in einer Förderstätte. In England war es kein Problem für ihn gewesen, mit seinem australischen Zeugnis direkt in seinem Beruf zu arbeiten.

Genauso erlebe ich das Schubladen-Denken in meiner Arbeit mit Menschen mit Behinderung. Da wird differenziert zwischen körperlicher, geistiger/kognitiver, seelischer und Sinnes-Behinderung sowie chronischer Krankheit. Entsprechend sind auch die Unterstützungsleistungen differenziert und die Leistungserbringer spezialisiert. Nun sieht aber die Realität oft so aus, dass mehrere Behinderungen miteinander einhergehen, gerade eine seelische Komponente findet sich bei erworbener Behinderung zum Beispiel sehr oft.

So etwas kann unser System ins Schleudern bringen. Ich kenne eine junge Frau, die im Grunde relativ selbstständig ist, aber doch eine Mischung an Beeinträchtigungen mitbringt. Sie hat eine nicht sehr starke körperliche Behinderung, was sich in leicht unsicherem Gang und der Feinmotorik einer Hand ausdrückt. Aufgrund dieser Diagnose hat sie einen Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, die auf Körperbehinderung spezialisiert ist. Die junge Frau hat nun allerdings auch noch eine Lernbehinderung sowie eine psychische Beeinträchtigung. Sie ist nun in einem Alter, wo ihre Eltern und sie darüber nachdenken, ob der Auszug aus dem Elternhaus nicht langsam an der Zeit wäre. Sie würde sehr gern in eine Wohngemeinschaft für Menschen mit Behinderung nahe ihrer Heimatgemeinde ziehen, in der schon eine Freundin von ihr lebt. Jedoch ist diese Wohngemeinschaft in Hand eines Leistungserbringers, der auf geistige Behinderung spezialisiert ist. Damit also die Unterstützung im Rahmen der Eingliederungshilfe bezahlt wird, braucht die Einrichtung die Diagnose geistige Behinderung. Diese könnte sie schon bekommen… doch das würde bedeuten, dass sie ihren Arbeitsplatz aufgeben müsste, weil hier die Diagnose Körperbehinderung zählt. Ihre Arbeit macht ihr aber Spaß und sie fühlt sich dort wohl. Dies alles in Zeiten der UN-Behindertenrechtskonvention, wo wir Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung sowie ein Wunsch- und Wahlrecht in Bezug auf die Wohnform erreichen wollen. Schlimm!

Das war etwas, was mir in Schottland besser gefallen hat, auch wenn ich insgesamt noch nicht ganz sicher bin, wer hier in punkto Inklusion von wem lernen kann.  In Schottland haben die Leute zunächst mal „additional needs“ – das kann von einer kognitiven, körperlichen oder Sinnes-Behinderung über ADHS, Suchterkrankung, psychischer Beeinträchtigung, etc. alles sein. Es wird der Mensch gesehen und dann gefragt, was er/sie an Unterstützung braucht, während ich bei uns stark den Eindruck habe, die Diagnose steht weit vor dem Menschen – und eben dann manchmal nur eine von vielfachen Diagnosen.

Menschen scheinen sich einfach schwer zu tun, wenn sie jemanden nicht in eine Schublade packen können. So versuche ich mir auch die ausgeprägte Transfeindlichkeit zu erklären, die es leider gibt. Es war mir nicht bewusst, in welchem Ausmaß Trans-Menschen hier zu kämpfen haben, die Geschichte von Linus Giese (siehe Tagesspiegel: Transfeindlichkeit im Netz – Der Hass der Anderen), dem ich über Twitter folge, hat mir hier die Augen geöffnet und mir gezeigt, was außerhalb meiner Filterblase so abgeht.
Klare Zuordnung, ob über biologische Geschlechtsmerkmale oder binäre Geschlechterordnung, scheint manchen Leuten eine unverzichtbare Sicherheit zu geben, es darf nur rosa und hellblau geben, keinen Wechsel und nichts dazwischen. Man kann nur hoffen, dass die Offenheit und der Kampf von Menschen wie Linus Giese und auch die Anerkennung eines dritten Geschlechts hier zu mehr Akzeptanz beiträgt. Wobei mir wirklich das Verständnis dafür fehlt, wo sich Menschen bedroht oder beeinträchtigt davon fühlen könnten, dass sich Menschen nicht dem biologischen Geschlechtsmerkmalen, mit denen sie geboren wurden, oder dem binären System zugehörig fühlen.

Nicht selten ertappt man sich auch selbst dabei, dass man Menschen in eine Schublade gepackt hat, in die sie auf einmal nicht (mehr) passen wollen. Menschen sind komplex, Menschen ändern sich. Wie schön und überraschend es sein kann, nochmal eine andere Facette eines Menschen kennenzulernen, wenn man ihm oder ihr auch die Chance dazu gibt.

Sie wissen genau wer du bist
Du bist uns so einer
Sie sagen es so wie es ist
So gut kennt dich keiner
Und zwar bist du vom Wesen soundso
Soundso so irgendwie
Verstehen sie dich, das macht sie froh
So einer ändert sich nie

Aber nichts davon bestimmt dich, weißt du
Nichts davon verglimmt nicht mit der Zeit
Nur du bestimmt nicht, weißt du
Nichts davon, ist wirklich nichts davon
Soundso und sowieso bleibt nichts davon
Soundso und sowieso ist nichts davon
Soundso
Glaub mir nichts davon bist du

12 Minuten.

12 Minuten sind manchmal eine Ewigkeit. Manchmal ratzfatz vorbei. Manchmal eine Qual. Manchmal ein Segen.  Sie kosten manchmal sehr viel Überwindung und sind manchmal die Rettung.

Seit einer geraumen Zeit versuche ich, mir täglich morgens 12 Minuten zu schenken.  Erst ein paar Minuten für kleinere Körperübungen und dann ca. 9 Minuten für meine Sitzmeditation. Beeindruckt hat mich damals der Satz meines Meditationslehrers, der feststellte, dass man sich für die morgendliche Körperhygiene sogar noch mehr Zeit nimmt, aber für die Psychohygiene eben nicht. So ist das nun also (fast) jeden Morgen meine kleine Dusche… für die Seele und den Geist. Ab und an nehme ich auch ein Vollbad: Ein Meditationskurs, bei dem man 1x wöchentlich abends zwei Stunden in der Gemeinschaft meditiert. Oder gleich ein ganzer Tag der Stille – meinen zweiten hatte ich erst kürzlich und habe ihn wieder sehr genossen.

Natürlich gibt es jeden Morgen unzählige Gründe, sich nicht hinzusetzen: zu müde, zu spät dran, zu unruhig… Und innerhalb der Meditation begegnet man dann sowieso meist einem oder mehreren der fünf Hindernisse (Zweifel, Unruhe, Trägheit, Widerstand, Verlangen). Es ist aber schon mal gut, wenn man die Hindernisse erkennt – denn dann ist man achtsam. Und kann sich ganz achtsam wieder seinem Atem zuwenden, oder den Sinneseindrücken, oder dem Körpergefühl, oder oder… Die Hauptsache ist es, sich nicht in Gedanken zu verstricken, sondern diese nur wahrzunehmen und ziehen zu lassen – wie Wolken am Himmel. Das ist auch das Wunderbare am Meditieren: Man urteilt nicht, man nimmt nur wahr.

Manchmal muss ich selber schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, wie mein jüngeres Ich genau das, was ich nun so gerne tue, belächelt hätte. Als Esoterik-Mist, jedenfalls als etwas für einen ganz anderen Typen Mensch! Damals hätte ich mir sicher nicht träumen lassen, dass ich zum Beispiel mal mit lauter Fremden Mantren singen würde. Aber selbst das empfinde ich heute als sehr schön und wohltuend.

Die Lehre des Buddhismus habe ich natürlich noch lang nicht durchdrungen, sondern nur ein paar Fetzen in meinem Meditationskurs mitbekommen. Doch ich finde es spannend, mich ein wenig damit zu beschäftigen. So hat es etwas Beruhigendes sich zu vergegenwärtigen, dass Leben Leiden bedeutet. Dukkha… die erste der Vier Edlen Weisheiten. Im Grunde weiß das jede*r: wo Freud ist, ist auch Leid. Und genauso, wie wir die Freude nicht festhalten können, genauso ist auch das Leid vergänglich. Alles fließt. Das ist schon tröstlich. Auch der Edle Achtfache Pfad erscheint mir verfolgenswert: rechte Erkenntnis und Gesinnung, rechte Rede, rechtes Handeln und Leben, rechte Anstrengung, Achtsamkeit und Sammlung. Das sind Werte, nach denen sich jede*r richten sollte.

Auch wenn ich die Lehre interessant und bereichernd finde, so ist dies nicht mein Grund, mich mit Meditation zu beschäftigen. Dass es angeblich gesund ist, ist für mich ebenfalls nicht ausschlaggebend. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn es eine messbare Wirkung auf das Gehirn hat, wie es einige Forschungsergebnisse zeigen – es wär doch toll, wenn es einen nachhaltigen Effekt hätte, wenn Aufmerksamkeit und Mitgefühl so trainiert würden (beschrieben z.B. in der Süddeutschen Zeitung: Spuren im Kopf). Ich übe das Meditieren aber schlicht und ergreifend, weil es mir in dem Moment gut tut, mal innezuhalten, weil es mich runterbringt, weil es mir Möglichkeiten eröffnet, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen, weil ich meine innere Kraftquelle so zugänglich mache, weil es einen Anker für mich darstellt, auch durch das Ritual und die Regelmäßigkeit.

Den ganzen Hype, den es gerade um das Thema Meditation und Achtsamkeit gibt, sehe ich jedoch auch mit Skepsis (gut beschrieben erst vor ein paar Tagen von Mechthild Klein in der ZEIT: Hör mir auf mit Achtsamkeit!). Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es Wunderwaffe und Allheilmittel ist. Sich drei Achtsamkeitsratgeber ins Regal zu stellen, bringt wahrscheinlich wenig. Etwas mehr Achtsamkeit ins eigene Leben bringen, schadet aber sicher niemandem. Ich selber merke die Wirkung der Meditationspraxis auch nur im ganz Kleinen – doch manchmal habe ich das Gefühl, ich kann diese kleine Pause zwischen Reiz und Reaktion besser nutzen, und bewusst reagieren… und das ist schon viel wert! Dafür habe ich mich auch gerade wieder hingesetzt – für 12 Minuten.

And now I’m back, finally just laughin‘
Expectations are resentments waiting to happen
Studying the dharma, karma, vipassana practice
Bahá’u’lláh, Buddha, God, to the mountaintop and I’m traveling
Learning, yes, reflecting on what matters
People, impermanence, lack of attachments
It’s space and time, a couple of man-made distractions
The measure of a spirit that no human can ever capture
Church, this booth is my Vatican
I don’t control life, but I can control how I react to it
Student of the breath, brick beats and balancin‘
Desire versus truth until I finally find happiness.

John.

John hat mich nachhaltig beeindruckt.  In Wirklichkeit heißt er nicht John, aber für diesen Text will ich ihn einfach mal so nennen. Denn John hat kein Blatt vor den Mund genommen, er hat nicht taktiert oder überlegt, ob seine schonungslose Ehrlichkeit ihn in Schwierigkeiten bringen kann. Er hat einfach frei von der Leber weg gesprochen. Es wäre schön, wenn es mehr Leute wie John gäbe.

John ist Dozent an einem College in Schottland. Dort unterrichtet er Hospitality & Cookery, und das schon seit einigen Jahren. Wir waren vom College eingeladen worden, um einen Einblick zu bekommen, wie auf dem College junge Menschen mit einer Behinderung neben Menschen ohne Behinderung ausgebildet werden, und um einen möglichen Austausch zu planen.

Doch im Gespräch mit John sollte es wenig darum gehen. Denn John war frustriert: Während die umliegenden Restaurants und Hotels händeringend ausgebildetes Personal suchten und ihm sagten, er solle ihnen doch bitte dringend Leute schicken, gehen die Studierendenzahlen am College zurück. Das College bekommt Gelder vom Council pro Studierender/Studierendem, also eine besorgniserregende Entwicklung. Obwohl das College beste Voraussetzungen bietet, ein Trainings-Restaurant und ein Bistro sowie zwei Küchen, und mit John und seinen Kolleg*innen auch hochmotivierte Dozent*innen, gelingt es immer weniger, die Jugendlichen für die Ausbildung zu gewinnen.

John sagte uns, viele wollten eher YouTube-Stars werden, als harte Arbeit in der Küche leisten. Sie kämen und wunderten sich, dass sie das Gemüse selbst waschen, schälen und kleinschneiden müssen – wo doch in den Kochsendungen immer schon alles fertig vorbereitet ist. Sie wollten direkt Millionäre werden, ohne den Umweg als Tellerwäscher zu nehmen. Also fragten sie John, wer denn eigentlich den Abwasch mache und seien entsetzt, dass sie das selbst machen sollen. Sie merkten schnell „it’s a job“ und sind dann genauso schnell wieder weg.

John sagte, er habe schon alles probiert – von Schnuppertagen für Schüler*innen über die Teilnahme an allen möglichen regionalen Veranstaltungen, doch diese Art von Beruf ziehe einfach kaum noch jemanden an. Es gäbe in Schottland Restaurants mit Michelin-Sternen, die nur noch an drei Tagen in der Woche öffnen können, weil ihnen das Personal fehle.

60% der Angestellten in Hotels und Restaurants sind nach Johns Einschätzung Ausländer*innen. Und jetzt gerät er erst so richtig in Fahrt, denn er ist beim Brexit angelangt. John schildert uns, wie dieser bereits jetzt drastische Auswirkungen hat: Niemand könne einem Familienvater aus Polen versichern, dass er auch nach dem Brexit noch bleiben kann. Also beschließt dieser mit seiner Frau, lieber jetzt sofort Großbritannien den Rücken zu kehren, bevor das alle machen und die Chancen, woanders Fuß zu fassen, geringer werden.

Die Landwirte in der Umgebung, die Gemüse und Fleisch für die Restaurants und Hotels liefern, wüssten nicht, wie sie ohne Fördergelder der EU weitermachen sollen. Wer wird also weiterhin die Rohstoffe liefern, die es für diese Berufssparte braucht? Mittlerweile stehen John Tränen in den Augen. Und uns auch. Denn er brennt für sein Handwerk, er liebt seinen Beruf, die Zutaten, das, was er daraus schafft – das hat er uns eindrücklich vor Augen geführt. Er würde gern jungen Leuten diese Leidenschaft weitergeben, ganz egal, ob die aus Schottland oder aus einem anderen Land kommen. Doch die Zukunft sieht nicht rosig aus für John und seine Zunft.

Eine Begegnung, die mir so schnell nicht wieder aus dem Kopf gehen wird. Ich bin John dankbar für seine Ehrlichkeit.

München.

„Diese Stadt gibt uns einen Arschtritt!“ So brachte es kürzlich jemand aus meinem Freundeskreis hart und schmerzlich auf den Punkt. Wir können hier seit Jahren dabei zusehen, wie die Immobilienpreise und Mieten ins Unermessliche steigen. Genauso wie man überall spürt, wie es in der Sadt immer enger wird. Ein Spaziergang an der Isar wird bei Sonnenschein schnell ein unfreiwilliges Bad in der Menge, wenn man nicht gleich weiter draußen startet. Bei der U-Bahn am Hauptbahnhof ist man es schon gewohnt, im Berufsverkehr von Personal in Warnwesten gelenkt zu werden, auch wenn es noch nicht Tokioter* Verhältnisse sind. Am Sendlinger Tor wird deswegen der Bahnhof nun auch umgestaltet, was aber im Moment zu noch gefährlicheren Zuständen führt. München darf sich außerdem „Stau-Hauptstadt“ nennen und hat dementsprechend eine äußerst hohe Feinstaubbelastung. Dass Fahrradfahren auch nicht mehr immer Spaß macht, erklärt sich von selbst.

Dennoch: München ist meine Stadt, da bin i dahoam, wenn man so will. Den momentan so überstrapazierten Begriff Heimat möchte ich gerade ungern verwenden (und an dieser Stelle auf meinen Lieblings-Twitter-Thread dazu verweisen). Doch bin ich hier verwurzelt, fühle mich zu Hause, liebe meine Stadt und will auch nicht weg. Hier hab ich den größten Teil meines Lebens verbracht – durch mein Jahr in England weiß ich, dass ich mich auch woanders pudelwohl und heimisch fühlen kann, und dieser schöne Teil Englands wird auch immer mein zweites Zuhause bleiben – aber mein erstes Zuhause bleibt eben München.

Als Studentin verließ ich die Maxvorstadt kaum, da sich Uni, Arbeit, Wohnung und Kneipen in einem wahrlich magischen Quadratkilometer befanden…  dann das urige Giesing, das ich immer noch ein bisschen vermisse, das Lehel, wo ich viele Jahre direkt am Englischen Garten arbeitete, das (Glockenbach-)Viertel, das trotz allem Zuzug immer noch ein bisschen „unser“ (LGBTIQ-)Viertel ist, unsere schöne Wohnung mitten in Neuhausen, ruhig und zentral… ich mag es hier. Selbst mit Trudering, wo ich aufgewachsen bin, und das ich immer als sehr eng(stirnig) erlebt habe, habe ich mich mittlerweile halbwegs versöhnt.

Ich mag, dass München groß genug ist, Anonymität zu gewährleisten, sodass man meist auf Veranstaltungen geht, wo man niemanden kennt. Dass es aber auch klein genug ist, dass man doch mal Freunde zufällig in der U-Bahn trifft. Und dass man mit dem Radl überall hinkommt. Dass man schnell am Badesee oder der Isar ist, wo man einfach reinspringen kann. Grillfeiern am Flaucher… Biergarten… Christkindlmärkte… dazu muss ich wohl nichts sagen. Die Liebe zur Wiesn wurde mir in die Wiege gelegt. München bietet natürlich auch ein immenses kulturelles und kulinarisches Angebot, das man wahrnehmen kann – auch wenn man es dann seltener tut, als man vielleicht sollte/wollte.

Besonders mag ich auch die kleinen Verschrobenheiten und Geheimnisse, wie die Ost-West-Friedenskirche mitten im Olympiapark, die Subkultur vom Tröpferlbad über die Glockenbachwerkstatt bis hin zum Bahnwärter Thiel.
Sehr freuen kann ich mich über das großartige Engagement für Geflüchtete und gegen Rassismus, von München ist bunt bis Bellevue di Monaco. Außerdem gibt es sogar ein lesbisches Straßenfest, die Schwuhplattler und ein „rosa Stangerl“ (Maibaum im Glockenbachviertel). Und so vieles mehr, was hier den Rahmen sprengen würde.

Wie schon ausgeführt, mag ich natürlich auch die Grantigkeit – wie musste ich mich erst letztens ärgern wundern, als wir gerade noch voller Eindrücke aus dem Theatersaal kamen und sich an der Garderobe einer schon wieder total aufmandeln konnte, weil das mit seinem Mantel nicht so schnell klappte, wie es sollte. Na gut, es war nach Macbeth, immerhin floß an der Garderobe kein Blut!

Was ich aber gar nicht mag: diese Stadt verjagt meine Freund*innen. Aus meiner Studienzeit ist kaum noch wer übrig, denn ab zwei Kindern ist es hier einfach zu teuer – woanders kann man fürs gleiche Geld gar fürstlich leben. Der letzte dieser Abschiede ist nun eine Woche her und hat mich zu diesem Blogpost bewegt. Meine Liebe zu München ist immer noch ungebrochen, doch sie entwickelt sich wohl langsam zur Hassliebe.

Es muss wirklich etwas passieren, die Stadt hat viel zu lange verschlafen, hier tätig zu werden. Unterstützenswert sind Initiativen wie das „Bündnis Bezahlbares Wohnen“ oder auch laute Proteste gegen die Gentrifizierung.
Und, liebe Freund*innen, die ihr noch hier seid – lasst euch nicht vertreiben, bitte bleibt! In dieser schönen Stadt!

*Das schreibt man echt so. Mit „t“. Sagt der Duden. Hamma wieder was gelernt.
Nachtrag: es geht aber auch ohne das „t“. Sagt auch der Duden. Aber das nur für so Rechtschreib-Nerds wie mich…